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Flexible Lösungen sind der Weg der Zukunft

ch; 7. Sep 2011, 16:48 Uhr
Bilder: Christian Herse --- Moderator Jorg Langfeld (v.l.) im Gespräch mit Michael Zwinge, Dr. Ortwin Weltrich, Dr. Hermann-Josef-Tebroke, Stefan Krause, Jochen Hagt und Dr. Josef Korsten.
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Flexible Lösungen sind der Weg der Zukunft

ch; 7. Sep 2011, 16:48 Uhr
Wipperfürth – Beim Kommunalpolitischen Forum sprachen Politiker und Handwerker über die Standortqualität des Oberbergischen Kreises im Hinblick des demografischen Wandels.
Von Christian Herse

Die nackten Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. In den letzten sieben Jahren hat die Bevölkerungszahl in Oberberg um 10.000 Einwohner abgenommen. Auch die Zahl an Schülern wird sich bis 2019 um gut 20 Prozent reduzieren, während gleichzeitig die Menschen immer älter werden. Für den oberbergischen Handwerkerstandort mit 3.224 Mitgliedsbetrieben wird diese Entwicklung in den kommenden Jahren für massive Veränderungen sorgen, sodass sich die Frage gestellt werden muss, in wie weit die bisherige Qualität gehalten werden kann.

[Kreishandwerksmeister Bert Emundts begrüßte als Gastgeber zahlreiche Bürgermeister des Kreises.]

Eine Antwort darauf versuchten am Montagabend Politiker gemeinsam mit Handwerkern beim Kommunalpolitischen Forum der Handwerkskammer zu Köln in der Alten Drahtzieherei zu finden. Vor allem die Größe der Region ist ein maßgeblicher Faktor auch in der künftigen Entwicklung. „Von Lindlar aus bist du innerhalb von 30 Minuten auf der Zoobrücke“, stellte Bürgermeister Dr. Hermann-Josef Tebroke fest. „Da liegt es nahe, dass sich bei uns ansässige Unternehmen auch auf das Rheinland konzentrieren.“ Anders sieht die Lage in Radevormwald aus, von wo die Fahrt nach Köln wie eine halbe Weltreise erscheint, während das Ruhrgebiet und das Bergische Städtedreieck Wuppertal, Remscheid und Solingen quasi vor der Haustür liegt, wie der Rader Rathauschef Dr. Josef Korsten anmerkte.

Wesentlich problematischer sieht es in Wipperfürth aus. „Die verkehrstechnische Anbindung hier ist schlecht. Wipperfürth liegt isoliert rund 25 Kilometer von der nächsten Autobahn entfernt. Das ist heute schon ein KO-Kriterium für Unternehmen, die sich neu ansiedeln wollen“, kritisierte der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, Dr. Ortwin Weltrich. Die mangelnde Infrastruktur auf der Nord-Süd-Achse musste auch Kreisdirektor Jochen Hagt ohne große Aussicht auf Verbesserung einräumen, während Landrat Hagen Jobi diese zuvor angesichts der ländlichen Strukturen noch als gut bezeichnet hatte.


[Unternehmer Michael Zwinge äußerte im Gespräch seine Sorgen über zuwenig Nachwuchs in der Zukunft.]

Viel entscheidender für die Zukunft sind laut Tebroke jedoch vor allem weiche Faktoren: „Nur wo die Leute sich wohlfühlen, möchten sie auch leben.“ Darum könne keine Kommune heutzutage trotz klammer Kassen auf ein großes Angebot an Bildungsstätten und Freizeitangeboten verzichten. Zudem dürfe man sich nicht auf eine Großfirma konzentrieren, sondern für einen breiten Mix unterschiedlichen Gewerbes sorgen, was in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zur Krisensicherheit beiträgt. Dem konnte auch der Leiter der Agentur für Arbeit in Bergisch Gladbach, Stefan Krause, nur zustimmen: „Die wirtschaftlichen Phasen im Oberbergischen sind sehr dynamisch und von äußeren Faktoren abhängig.“

Darum könne man sich nur glücklich schätzen, wenn man noch genug Gewerbeflächen besitze, die man Firmen anbieten kann. „In Zeiten von steigendem Konkurrenzkampf ist eine flexible Verwaltung unabdingbar, um die eigene Stadt für Unternehmen interessant zu machen“, gab Korsten die Leitlinie der Wirtschaftsförderung vor. Zudem müsse man es schaffen, eine enge Bindung zwischen Bevölkerung und Industrie zu erzeugen, wie es in Ostdeutschland der Fall ist. „Unsere Innenstädte bluten aus. Wir müssen Wohn- und Handelsräume gerade für Handwerkebetriebe wieder attraktiver gestalten“, so Korsten weiter. Doch eine gesunde Infrastruktur nützt alles nichts, wenn der Nachwuchs fehlt – so das einheitliche Credo aller Beteiligten.


„Wir versuchen durch Praktika Jugendliche frühzeitig an unser Unternehmen zu binden, damit sie hier vielleicht später eine Ausbildung machen“, nannte Firmenchef Michael Zwinge aus Bergneustadt eine Strategie. Jedoch würden immer mehr potentielle Azubis den Weg über die Warteschleifen gehen und weiterhin die Schulbank in der gymnasialen Oberstufe oder auf Berufskollegs drücken, anstelle eine Lehre zu beginnen. „Länger lernen heißt nicht mehr automatisch bessere Jobchancen. Das müssen wir wieder aus den Köpfen bekommen“, forderte Weltrich vor allem die zahlreichen Lehrer im Publikum auf, entsprechend auf die Schüler einzugehen.

Gleichzeitig sei es unabdingbar, dass man die anwachsende ältere Generation nicht mehr als Problem ansehe, sondern vielmehr als eine neue Zielgruppe. „Gewerbeflächen und günstige Preise sind das eine, besondere Dienstleistungen aber das andere“, formuliert es Hagt unter der Zustimmung aller Beteiligten. Nur in einer intensiven Zusammenarbeit von Bevölkerung mit Politik, Unternehmen mit Kommunen und Kommunen mit Kreis sei die Herausforderung „Demografischer Wandel“ zu meistern, ohne dass das Oberbergische als Wirtschaftsstandort an Attraktivität künftig verlieren würde.
  
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