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Ein erneuter Kraftakt wird nötig sein
Bergneustadt - Nach dem in letzter Minute erkämpften Verbleib in der Mittelrheinliga geht es für den SSV Bergneustadt auch in diesem Jahr ausschließlich um den Klassenerhalt Wie kann der Abgang von Kapitän Sebastian Wasem kompensiert werden?
Das Wort Ruhe fällt in letzter Zeit ziemlich häufig in Bergneustadt. Ruhe soll einkehren nach einer Saison, die mit turbulent nur unzureichend umschrieben wäre. Nach dem ausgezeichneten vierten Platz im ersten Mittelrheinliga-Jahr geriet das neu formierte Team schnell in ungemütliche Gefilde und überwinterte mit nur 13 Zählern auf dem Konto. Diese lausige Zwischenbilanz war dafür verantwortlich, dass es auch nach der Saisonunterbrechung zunächst alles andere als gut aussah. Interne Probleme, die den Rausschmiss von drei Spielern zur Folge hatten, und ständige Diskussionen um die Zukunft der Mannschaft waren unliebsame Begleitumstände.Zum Schluss standen nur noch Endspiele auf dem Programm. Jede Niederlage ließ den Abstieg näher rücken. Doch nach den Aufräumarbeiten im Kader fing sich das Team und hielt sich bis zum letzten Spieltag die Chancen auf den Klassenverbleib offen. Ein später Treffer von Tobias Schöler sicherte Bergneustadt einen 2:1-Erfolg in Wesseling-Urfeld und da Germania Teveren in Hennef nur remis spielte, sprang man noch auf den rettenden zwölften Platz. Der drohende Komplett-Ausverkauf konnte vermieden werden, doch an anderen Stellen ging das aufreibende Jahr nicht spurlos vorbei: Sportdirektor Andreas Harnisch trat zurück, die 2. Mannschaft musste abgemeldet werden.
Kommen und Gehen
Dank des Klassenerhalts blieb das absolute Horror-Szenario aus: Wichtige Stützen wie Martin Brzoska, Thomas Ziegler, Rabi Al Saleh oder Tim Mazzotta blieben dem Verein treu. Alle Leistungsträger blieben jedoch nicht an Bord: Besonders schwerwiegend ist der Verlust von Kapitän Sebastian Wasem. Der Abwehrchef gehörte zu den stärksten Defensivspielern in der gesamten Liga. Torsten Reisewitz: Es wird schwer, die Spielerpersönlichkeit Sebastian Wasem zu ersetzen. Gerne hätte der Trainer auch mit Alexander Tomm, der in der Rückrunde starke Leistungen zeigte, und Ali Kemal Celik weitergearbeitet.
Sie waren aber genauso wenig zu halten wie Manuel Wolff und Hakan Firat, die sich ins Westfälische verabschiedeten. Die restlichen Abgänge spielten aus disziplinarischen Gründen keine Rolle mehr (Miller, Schattner, Bably), oder kamen über den Status des Ergänzungsspielers (Kilb, Rinker) nicht hinaus. Für namhafte Neuzugänge fehlt das nötige Kleingeld, weshalb der Klub einmal mehr auf Spieler aus unterklassigen Ligen beziehungsweise eigene Talente setzt. Nils Nettersheim feiert nach seinem Auslandsaufenthalt sein Comeback. Mit Christopher Fliegel, Jeremy Speicher und Toni Skarica sind in der Vorbereitung noch drei Neue hinzugekommen.
Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass einige Schwierigkeiten haben werden, ins Aufgebot zu rutschen. Immerhin stehen Reisewitz 25 Akteure zur Verfügung. Eine 2. Mannschaft gibt es nicht mehr. Tristan Wolf, der eigentlich kommen sollte, wird beim 1. FC Gummersbach bleiben. Andere müssen damit rechnen, einen Dauerplatz auf der Tribüne einzunehmen. Das birgt Konfliktpotenzial. Alle wissen, dass ich zu den Spielen nur 18 Leute nominiere. Man muss abwarten, wie die Jungs damit umgehen. Das letzte Jahr hat gezeigt, dass im Verlauf einer langen Saison jeder gebraucht wird. Das werde ich auch so vermitteln. Um diese Problematik zumindest ein wenig abzufedern, soll ein Perspektivteam aus Ersatz- und Jugendspielern sowie Rekonvaleszenten aufgebaut werden, das in regelmäßigen Abständen Freundschaftsspiele bestreitet.
Mannschaft, Spielsystem, Taktik
Nach der Kurz-Episode mit Manuel Wolff im Tor stehen nun wieder Benedikt Kunze und Christian Salmen im Fokus. Sie haben sich im letzten halben Jahr noch einmal weiterentwickelt, sagt Reisewitz. Geplant ist, dass beide zu ihren Einsätzen kommen und sich im Sechs-Wochen-Rhythmus abwechseln. In der Abwehr fehlt künftig die Leitfigur Wasem, womit ein Mehr an Verantwortung auf Spieler wie Martin Brzoska, Michel Hock oder Andreas Krolewski zukommt. Dass man speziell in der Hinrunde der Vorsaison zu viele Gegentreffer kassierte, macht Reisewitz nicht nur an Schwächen in der Viererkette fest. Der Verlust der Stabilität kam auch dadurch zustande, weil wir im Mittelfeld nicht gut genug nach hinten gearbeitet haben.
[Trainer Torsten Reisewitz geht in seine dritte Saison.]
In diesem Mannschaftsteil sieht Reisewitz sein Team gut aufgestellt. Wir können nun mehr variieren, betont der Übungsleiter. Thomas Ziegler war einer der Garanten der Aufholjagd und dürfte als Sechser gesetzt sein. Ansonsten heizen die Neuzugänge den Konkurrenzkampf an. So macht beispielsweise Orhan Yilmaz einen starken Eindruck. Man erkennt, dass er schon höherklassig gespielt hat. Er ist sehr beweglich und viel unterwegs, sagt Reisewitz. Nettersheims Rückkehr bewertet er ebenfalls positiv, zumal Tobias Schöler, der Mann der wichtigen Tore, wegen eines Achillessehnenrisses erst in der Rückrunde zur Verfügung steht.
Erfolg können wir nur haben, wenn wir als Mannschaft funktionieren, gibt Reisewitz als Motto aus. In diesem Bereich hakte es in der abgelaufenen Serie merklich. Speziell in der Hinrunde haben wir die nötige Geschlossenheit nicht hinbekommen. Diesen Schuh muss ich mir anziehen. Aufgrund von Verletzungen und der Pokalspiele habe man zu Saisonbeginn nie den Rhythmus gefunden. Das werden wir diesmal anders gestalten. Ein guter Start in die Meisterschaft hat absolute Priorität. Wichtig wird auch sein, die Intensität so hochzuhalten, dass wir die engen Partien wieder für uns entscheiden können.
Der Glaube an sich selbst hat die Bergneustädter im Schlussspurt ausgezeichnet. Wir haben nicht die individuelle spielerische Klasse anderer, was aber mit einer guten Physis und hundertprozentigem Einsatz möglich ist, hat man gesehen. Damit dürfen wir allerdings nicht erst am 23. Spieltag anfangen, sondern von Beginn an die nötige Bissigkeit an den Tag legen. Am Spielsystem (4-2-3-1) wird nicht gerüttelt, lediglich eine moderate Anpassung zum 4-4-2 ist möglich, wenn es die Spiel- oder Gegnersituation erfordert.
Saisonziel, Einschätzungen zur Liga
Waren es in der Spielzeit 2010/2011 vier Vereine, die der SSV Bergneustadt hinter sich lassen musste, sind es nun fünf. Die Mittelrheinliga startet mit 17 Mannschaften, weil sich Germania Windeck freiwillig aus der Regionalliga zurückgezogen hat. Einfacher wird es also nicht. Mit Windeck und Wegberg-Beeck kommen zwei starke Absteiger dazu und von den Aufsteigern halte ich ebenfalls viel. In dieser Form ist es das letzte Jahr für diese Liga. Das wird ein Hauen und Stechen. Sollte es der SSV tatsächlich packen, wäre es ein Aufstieg im Stillen. Da die Oberligen aufgelöst werden, würde man im Fall des Klassenerhalts in der fünfthöchsten Klasse spielen.
Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Bei uns muss jeden Sonntag alles stimmen, um drinzubleiben, gibt Reisewitz sich keinen Illusionen hin. Über den Klub ist in den vergangenen Monaten viel hereingebrochen. Reisewitz macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Auch ich persönlich bin an Grenzen gestoßen. Ich würde mich freuen, wenn die Kritiker nicht immer nur draufhauen würden, sondern erkennen, welchen Aufwand wir hier betreiben und dass die Jungs Überragendes geleistet haben. Bergneustadt war in den letzten drei Jahren so erfolgreich wie noch nie, aber die meisten sehen nur das Negative.
Der Verein willwieder den Fußball in den Mittelpunkt und den SSV auf eine solide Basis stellen, wie Geschäftsführer Roman Przybilla erklärt. Dazu ist unter anderem der Wiederaufbau eines Reserveteams zur nächsten Saison zwingend notwendig. Bis dahin bleibt es Mittelrheinliga-Mannschaft überlassen, für positive Schlagzeilen und damit mehr Ruhe - da ist es wieder, dieses Wort - zu sorgen.
[Das Trainertrio (obere Reihe rechts) mit den Neuzugängen Toni Skarica, Jonas Wagner, Benedict Herhaus, Rafet Batgün, Jeremy Speicher (oben v.l.), Yannick Conrad, Markus Wedel, Christopher Fliegel, Orhan Yilmaz, Hannes Volk und Tom Haselbach (unten v.l.).]
Zugänge
Benedict Herhaus (TSV Germania Windeck U23), Jonas Wagner (TSV Germania Windeck U23), Orhan Yilmaz (Rot-Weiß Lüdenscheid), Markus Wedel (Baris Spor Hackenberg), Christopher Fliegel (VfR Wipperfürth), Jeremy Speicher (VfB Wissen), Nils Nettersheim (zurück aus Australien), Toni Skarica (SV Schnellenbach), Yannik Conrad (eigene U23), Tolga Samut (eigene U23), Rafet Batgün (eigene Junioren), Hannes Volk (eigene Junioren), Tom Haselbach (eigene Junioren)
Abgänge
Sebastian Wasem (Spvg. Olpe), Manuel Wolff (SV Hohenlimburg), Alexander Tomm (SV Rothemühle), Felix Bably (SV Rothemühle), Hakan Firat (Westfalia Rhynern), Ali Kemal Celik (Baris Spor Hackenberg), Hermann Schattner (FV Wiehl), Radion Miller (FV Wiehl), Nils Rinker (FV Wiehl), Waldemar Kilb (FV Wiehl)
Kader
Tor
Benedikt Kunze, Christian Salmen
Abwehr
Andreas Krolewski, Hannes Volk, Benedict Herhaus, Michel Hock, Martin Brzoska, Jonas Wagner, Yannick Conrad, Gregor Krolewski
Mittelfeld
Orhan Yilmaz, Tolga Samut, Christopher Fliegel, Tom Haselbach, Jeremy Speicher, Tom Maiwald, Florian Harnisch, Markus Wedel, Thomas Ziegler, Rafet Batgün, Tim Mazzotta
Angriff
Rabi Al Saleh, Nils Nettersheim, Michael Möller, Tobias Schöler.
Trainer
Torsten Reisewitz (wie bisher)
Co-Trainer
Lars Rodenbusch (wie bisher), Michael Mechtenberg (neu)
Betreuer
Sascha Hausmann, Benjamin Schneider
Physiotherapeut
Kris Beyer