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Hat oberbergische Wirtschaft noch Zukunft? Forum bemühte sich um Antworten
(om/5.7.2001-1:05) Von Oliver Mengedoht
Oberberg - "Hat die oberbergische Wirtschaft noch Zukunft? Technologische Innovation und Zukunftsfähigkeit" lautete am Dienstag Abend das Thema im Gummersbacher Gründer- und TechnologieCentrum (GTC).
[Bilder: Oliver Mengedoht --- Beim Wirtschaftsdialog diskutierten (v.r.n.l.): Manfred Strombach (OAG), Rainer Pflieger (Oberberg Online), Rainer Lessenich (IHK), Moderator Wilfried Bommert (WDR), Prof. Hans Rühmann (FH), Rainer Lucas (Wuppertal Institut) und Joachim Held (Sabo).]
Eingeladen zu diesem Wirtschaftsforum hatten Landrat Hans-Leo Kausemann und GTC-Geschäftsführer Stefan Heeke. Da Kausemann verhindert war, begrüßte Kreisdirektor Norbert Wolter die zahlreichen Gäste aus Wirtschaft und Politik. Die Eingangsfrage, betonte Wolter, solle bewusst eine Provokation darstellen, gegen die es hoffentlich Widerstand gebe. "Schließlich haben wir hier einen besonderen Mix aus kleinen und mittelständischen Unternehmen mit guten Möglichkeiten auf dem Markt - die brauchen sich nicht zu verstecken."
Interessante Thesen stellte Dr. Dieter Rehfeld vom Forschungsinstitut Arbeit und Technik Gelsenkirchen in seinem Kurzreferat "Regionalentwicklung zwischen Nachhaltigkeit und Globalisierung" vor. Auf die Frage, ob es besondere Standortfaktoren in Regionen gebe, die den Erfolg fast schon garantieren, gab er die frustrierende Antwort "nein". Regionale Eigenheiten, durchschnittliche Betriebsgrößen, Milieu - "es gibt einfach keine Erfolgsrezepte".
Region muss sich auf ein Produkt konzentrieren
Derzeit gebe es drei große Strategien für den Erfolg einer Region. Die Ansiedelung von außen hielt er für kein probates Mittel mehr, man könne nur noch kleine Lücken füllen. Die breite Streuung der Wirtschaftsstruktur auf viele Branchen - wie im Ruhrgebiet - sei ebenfalls nicht allzu erfolgsversprechend. Möglichkeit drei, die Ausrichtung auf spezielle Produkte aus einer Region stellte er als Lösung dar.
[Dr. Rehfelds Thesen zu "Clustern" kamen nicht bei allen Diskussionsteilnehmern gut an.]
Auch die Technologieparks in den USA seien nur erfolgreich, wenn sie sich auf wenige Branchen konzentrierten. Dann gebe es soviele Innovationen, dass sich auch Zulieferer ansiedelten. Ganz wichtig sei aber bei aller Globalisierung auch der "face-to-face"-Kontakt zu den Kunden. Er plädierte dafür, sich an solchen "Clustern", Innovations-Schwerpunkten zu orientieren.
Nötige Konsequenz für eine Region: Ein eigenes Profil entwickeln, nicht etwa alles an einigen wenigen Unternehmen festmachen. Eine Region müsse für ein bestimmtes Produkt bekannt gemacht werden, wie etwa Ostwestfalen das erfolgreich mit dem "Produkt" Gesundheit geschafft habe oder Wolfsburg als Stadt mit Verkehrskompetenz. Aber man müsse auch an bestehende Entwicklungen anknüpfen, erklärte Rehfeld, keine Region wird plötzlich Spezialist für Biotechnik oder Software." Nicht zuletzt müsse es einen institutionellen Kern geben, "nur Gespräche reichen nicht".
WDR-Moderator Wilfried Bommert, selbst aus Oberberg, erinnerte an seine Jugend, als man allein an den vielen Bahnanschlüssen gesehen habe, wie viele Unternehmen mit Weltklasse es gegeben habe. "Jetzt ist selbst Steinmüller schon weg, es geht viel zu schnell - ist also Oberberg noch Welt- oder nur Kreisklasse?" provozierte er die Diskussionsteilnehmer. Die Region habe immer noch viele weltweit tätige Marktführer, sah Manfred Strombach von der Oberbergischen Aufbau GmbH (OAG) wenig Anlass zur Sorge. Da pflichtete Oberberg Online-Geschäftsführer Rainer Pflieger bei, auch wenn manche im Bereich Internet mehr machen könnten, was aber auch ausgeklügelte Konzepte erfordere.
Genug eigene Kraft, den Strukturwandel zu packen
"Nicht alle können in der Weltliga mitspielen", gab Rainer Lessenich, seit einem Monat Leiter der oberbergischen Zweigstelle der IHK Köln zu bedenken. "Wir haben hier die höchste Zahl an produzierenden Betrieben im IHK-Bereich und genug eigene Kraft, den Strukturwandel zu packen." Und bei vielen größeren Unternehmen, ergänzte Joachim Held von der Sabo Maschinenfabrik, stehe auch ein großer US-Konzern dahinter.
"Kleinbetriebliche Strukturen haben dazu geführt, dass einige Problemlagen hier lange nicht gesehen und erkannt wurden", erklärte hingegen Wuppertal Institut-Ökonom Rainer Lucas. Ein innovationsfreudiges Umfeld sei nötig, um Firmen zu helfen, die ins Ausland expandieren wollten. Es gebe schon noch Marktführer, aber wie seien die kleinen Betriebe zu erhalten? So schlimm könne es in Sachen Ausland nicht aussehen, widersprach Prof. Hans Rühmann, Leiter der Gummersbacher Fachhochschule. "30 Prozent unserer Maschinenbau-Studenten absolvieren Praktika bei ausländischen Filialen oberbergischer Unternehmen - das sollte man nicht unterschätzen."
"Man findet oft sehr viel Gutes vor, aber die Frage bleibt, wie man sich eigenständig nach außen präsentiert", stimmte Lucas dem Referenten zu. Die Kölner Region entwickle sich sehr stark in den Bereichen Medien und IT, das Bergische könne fast nur Industrie vorweisen. "Aber wir können Oberberg nicht plötzlich zu einem Dienstleistungszentrum machen", entgegnete IHK-Chef Lessenich.
Region ist nicht auf ein Produkt festzunageln
Jedenfalls taten sich nicht nur OAG-Mann Strombach und FH-Leiter Rühmann "sehr schwer", alles an einem Produkt festzumachen. Wie auch, wunderte sich nicht nur er bei dem Branchenmix im Kreis: Stahl, Kunststoff, Automobilzulieferer, IT-Firmen, Elektrotechnik und Dienstleister. "So einfach ist es nicht, blieb Rühmann dabei, auch wenn Moderator Bommert immer noch nicht das von Rehfeld "geforderte" Produkt sah "und eine Vision fehlt mir auch noch".
Auch sich auf eine Institution zu einigen, die über eine einheitliche Darstellung der Unternehmen Oberbergs diskutieren und Kontakte knüpfen könnte, viel den Vertretern der Wirtschaft schwer. Der eine hielt die FH für geeignet, der andere sah Probleme darin, den Firmen konkreten Nutzen begreifbar zu machen. Die IHK sei gerade dabei, ein IT-Forum zu gründen für Anwender und Anbieter, "zumindest eine Branche, von dem alle Bereiche Nutzen tragen". Das Wuppertal Institut, so dessen Ökonom Lucas, habe schon bei dem Projekt "best-of-oberberg" - bei dem einige der besten Produkte aus Oberberg im Internet vorgestellt werden sollen - Mühe gehabt, die Skepsis der FH zu überwinden.
[Kreisdirektor Norbert Wolter begrüßte die Gäste im GTC-Forum.]
Auch das Internet habe es anfangs schwer gehabt, ernstgenommen zu werden, erinnerte Oberberg Online-Geschäftsführer Pflieger - "inzwischen lässt es sich gar nicht mehr ignorieren". Allein seine Firma verzeichne gut 1.000 Firmenkunden. Auf den Einwurf Strombachs, das sei aber eine sehr geringe 'Einschaltquote' konterte Pflieger, "das sind ja nur unsere Kunden. Und allein an deren Seiten bei uns, an den Zugriffen auf unsere Stadtinfosysteme und unsere Internetzeitung sehen wir: das wird genutzt!"
Was fehlt in Oberberg?
Zu guter Letzt fragte der Moderator das Publikum einmal andersherum, was denn in Oberberg fehle. Eine eigene Zeitung, klagte Carmen Borchert, die ein kleines Übersetzungsbüro führt. "Wir sind doch kein Anhängsel von Köln." Der Geschäftsführer des Wipperfürther Lampenherstellers Radium, viele Jahre in Asien tätig, vermisste beim Vergleich mit der Heimat die Infrastruktur: "Das ist hier furchtbar!"
Petra Weiss von der gleichnamigen Kommunikationsagentur bekannte, "dass wir notgedrungen sechs Azubi-Stellen einrichten mussten, weil wir keine guten Leute bekommen". Niemand wolle hier hinziehen, Oberbergs Ruf müsse besser werden. Web Marketing-Leiter Reinhard Frank hielt das Problem Oberbergs für kein regionales, sondern für eins der Kommunikation, und Hans-Gerd Hahn, Geschäftsführer des Steinmüller-Förderzentrums, bedauerte, dass manche Bildungsangebote sehr schlecht angenommen würden. Auch Peter Reinecke von einer Firma aus der Glastechnologie sah das Problem nicht in den Produkten, sondern höchstens in der Vermarktung.
Also doch noch etwas zu retten, oder hat Oberbergs Wirtschaft keine Zukunft mehr? Die Teilnehmer diskutierten das anschließlich bei Sekt und Imbiss noch in aller Ruhe weiter aus.