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Eine (fast) normale DDR-Familie erlebt die Wende

uh; 24. Sep 2010, 10:39 Uhr
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Eine (fast) normale DDR-Familie erlebt die Wende

uh; 24. Sep 2010, 10:39 Uhr
Hückeswagen - Der Vortrag aus dem Anlass des 20. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung, veranstaltet durch den Verein 'Bergische Zeitgeschichte“, lockte viele Besucher in das Heimatmuseum Hückeswagen.

In seinen Ausführungen ging Prof. Dr. Ing. Habil Hermann Saitz der Frage nach, wie eine (fast) normale Familie in der DDR auf dem schmalen Grat zwischen Distanz und Anpassung zur DDR-Diktatur zu balancieren versuchte.

Wie gelang es Familie „S“, die nicht zu den Bürgerrechtlern der DDR gehörte, aber auch nicht zur politischen Klasse, die leitende Funktionen im Mittelbau der DDR-Hierarchie ausübte und dennoch parteipolitisch ungebunden blieb, diesen Balanceakt über Jahrzehnte auszuhalten?

Wie erlebte Familie “S.“ schließlich die friedliche Revolution von 1989, abseits der „Heldenstädte“ und des großen Weltgetriebes der Deutschlandpolitik in der thüringer Stadt Erfurt? Wie zerfiel in Erfurt schrittweise die Kommunalverwaltung vom DDR-Typus und wuchs aus deren Trümmern die neue Stadtverwaltung, in der Herr „S.“ als Stadtbaurat der ersten Legislatur wirkte? Ist Familie „S.“ nun doch eine ganz normale Familie geworden?



[Bilder: Martin Hütt --- Prof. Dr. Ing. Habil Hermann Saitz .]  
Diesen und vielen weiteren Fragen ging Prof. Saitz in seinem spannenden Vortrag nach und ließ somit deutsch-deutsche Zeitgeschichte einmal mehr lebendig werden.

Prof. Saitz erklärte den Zuhörern, dass bereits ca. drei Jahre vor der Wende Veränderungen sichtbar wurden. Es war z. B. kein Geld mehr vorhanden für Verkehrsplanung und Städtebau. In Erfurt sollte das Andreasviertel, ein gewachsener Stadtteil mit historischen Häuserzeilen abgerissen werden und durch Plattenbauten ersetzt werden. Immerhin galt damals in der DDR eine Neubauwohnung in einem Plattenbau als fortschrittlich und modern.  

Hier in Erfurt entstand jedoch erstmals Widerstand gegen den Abriss alter, historischer Stadtteile. Damals in der DDR ein ungewöhnlicher Vorgang, denn politischen Entscheidungen wurde bis dahin niemals widersprochen. Prof. Seitz erklärte sehr anschaulich die Ereignisse während der Wende in Erfurt, während die ganze Welt auf die Montagsdemonstrationen in Leipzig und die Ereignisse in der deutschen Botschaft in Budapest schaute. Er betonte auch, dass am 3. Oktober 1990 der Beitritt der DDR zur BRD erfolgte und nicht die Wiedervereinigung stattfand.

Prof. Dr. Ing. Habil Hermann Saitz ist Jahrgang 1936, Stadt- und Verkehrsplaner, ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, Stadtbaurat a.D. und Professor an der TU Dresden. Er hat zahlreiche wissenschaftliche und populärtechnische Werke veröffentlicht.Prof. Saitz lebt auch heute noch in Erfurt, in dem Haus, in dem er einst geboren wurde.





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