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Den einen oder anderen Zopf stutzen

bv; 19. Sep 2012, 16:33 Uhr
Bilder: Bernd Vorländer --- Frank Flatten will mit dem VfL Gummersbach Erfolge feiern.
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Den einen oder anderen Zopf stutzen

bv; 19. Sep 2012, 16:33 Uhr
Gummersbach – VfL-Geschäftsführer Frank Flatten im Interview über sportliche wie wirtschaftliche Chancen und Risiken des Projekts VfL Gummersbach.
Von Bernd Vorländer

OA: Sie haben noch Schonfrist beim VfL, arbeiten sich ein. Was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Flatten: Ich werde mir erst einmal alles genau ansehen, komme vielleicht mit einer anderen Philosophie nach Gummersbach, versuche mir ein objektives Bild zu machen. Mit der Schwalbe-Arena hat der VfL eine Chance, wieder dahin zu kommen, wo er lange Jahre war. Aber keine Chance ohne Risiko, wenn nämlich die Planung nicht so funktioniert, wie man sich das denkt. Ich habe mich auf den VfL jetzt eingelassen, weil ich überzeugt bin, dass die handelnden Personen alle an einem Strang und in die gleiche Richtung ziehen.

OA: Zwischen Europapokalsieg und Insolvenz lagen beim VfL Gummersbach nur Wochen. Achterbahn ist wohl das treffende Wort. Wie wollen Sie es schaffen, aus dem VfL einen Verein zu machen, der sich in ruhigerem Fahrwasser bewegt?
Flatten: Der VfL ist eine hoch interessante Marke, ein Verein mit großer Tradition. Diese Bausteine muss man umsetzen – vor allem auch im sportlichen Bereich. Dort gilt es, eine Philosophie zu etablieren, die sich in ihrer Grundlage auf die Jugendförderung stützt. Unser Team ist derzeit und in den nächsten Jahren kein Anwärter auf die oberen Tabellenplätze, denn wir können keine Kracher verpflichten. Wir müssen aber schlauer sein als andere, was die Kaderzusammenstellung betrifft. Ich werde mich ganz deutlich für eine intensive Nachwuchsförderung einsetzen, die eng an die Bundesligaerfordernisse angelehnt ist. Wir wollen junge Spieler, wenn sie noch nicht so weit sind, um direkt in der Bundesliga zu spielen, mit Zweitspielrechten ausstatten und ihnen Zeit einräumen, sie aber nicht mehr so einfach hergeben.

OA: Wenn ich sie richtig verstehe, würden Sie gerne den jungen VfL bauen? Gesagt haben das schon viele, doch tatsächlich umgesetzt wurde es noch nicht.
Flatten: Wir müssen zweierlei schaffen: In Gummersbach leistungsorientierten und gerne auch erfolgreichen Handball präsentieren, gleichzeitig aber auch die Identität der Region mit dem VfL stärken, indem wir verstärkt jungen Akteuren eine Chance bieten.

OA: In der Vergangenheit hat man sich beim VfL Gummersbach oft auf Spielerberater verlassen.
Flatten: Meine Meinung in diesem Punkt ist eindeutig: Spielerberater haben Spieler zu beraten, nicht aber den Verein. Man muss da eine eigene Philosophie haben. Und ich traue uns zu, dass wir da als Verein mit einer Akademie sehr erfolgreich sein können. Wir brauchen den Nachwuchs dringend, aber der identifiziert sich nur dann mit dem Verein, so lange er das Gefühl hat, dass man auch von Trainer und Spielern  der ersten Mannschaft ernst genommen und mitgenommen wird. Die Jugend braucht in Gummersbach alle Entwicklungs-Chancen.

OA: Wichtig ist ja auch, dass sich jetzt bei der Vermarktung der Schwalbe-Arena etwas tut.
Flatten: Richtig, da dürfen wir keine Zeit verlieren und müssen rasch handeln. Die Geschäftsführung ist dabei auch auf die Hilfe der bislang handelnden Akteure beim VfL angewiesen. Mit der Arena kann man darauf hoffen, neue Werbepartner zu finden, die für die Eugen Haas-Halle nicht zu bekommen gewesen wären. Wir haben nur einen Schuss – und da müssen alle helfen. Es gibt weitere Aufgaben, die hinzukommen. Bereits frühzeitig muss ein Kader des VfL für die Saison 2013/14 feststehen, ohne dass wir den genauen Etat für diese Spielzeit kennen. Und wir sind gefordert, die erste Euphorie der neuen Halle über lange Zeit aufrechtzuerhalten.

OA: Ist Frank Flatten heute ein hundertprozentiger Blau-Weißer? In der Vergangenheit haben Sie den VfL zum Teil ja auch heftig kritisiert.
Flatten: Ich habe klare Vorstellungen für die Zukunft des VfL, würde gerne verstärkt junge Spieler einbinden, setze auf Teamarbeit.  Ich war damals, als ich für Düsseldorf tätig war, loyal und bin es heute. Vor einigen Jahren hatte ich eine klare Meinung zum VfL und wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, hatte ich damals nicht ganz so unrecht. Jetzt will ich dazu beitragen, dass der VfL einer glücklichen Zeit entgegen geht, aber dazu muss man auch den einen oder anderen Zopf stutzen.

OA: Was wird eigentlich aus der zweiten Mannschaft, die personell von der Hand in den Mund lebt?
Flatten: Die zweite Mannschaft eines Bundesligisten muss Dritte Liga spielen, eine Klasse darunter benötigt man die eigentlich nicht mehr, weil das Leistungsniveau dann doch erheblich abweicht. Wir brauchen einen Bundesligaunterbau mit jungen, willigen Spielern, die diese Klasse als Sprungbrett für die Bundesliga ansehen und die Chance nutzen wollen.
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