HANDBALL
Handball 360: Nordrhein zieht noch nicht die Reißleine
Oberberg – Während andere Handballverbände erklären, die Saison nun doch mit dem alten Verbandsmanagementsystem nu.liga durchführen zu wollen, will der Handballverband Nordrhein erst am Montag endgültig entscheiden.
Von Peter Notbohm
In vielen Vereinen an der Handballbasis brodelt es seit Wochen und Monaten. Im November 2025 hat der Bundestag des Deutschen Handball-Bundes (DHB) beschlossen, dass ganz Handball-Deutschland zur kommenden Saison ein einheitliches Verbandsmanagementsystem bekommen soll. Anstatt dabei auf eins der in Deutschland etablierten Systeme zurückzugreifen, fiel die Wahl auf die spanische Firma Toools als bindendes bundesweit einheitliches Handball-Tool, das seitdem unter dem Arbeitstitel Handball 360 läuft.
Schon Anfang des Jahres hatten viele Ehrenamtler – auch im Oberbergischen - befürchtet, dass die Zeit bis zum Saisonstart 2026/27 zu knapp werden dürfte, um das System zu entwickeln, alte Daten zu konvertieren und es mit neuen Daten zusätzlich zu füttern. Nun ziehen die ersten Handballverbände die Reißleine. In den vergangenen Tagen erklärten die Verbände Niedersachen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Berlin, die neue Saison nicht auf Handball 360 laufen lassen zu wollen, sondern das alte Verbandsmanagementsystem trotz erheblichen Mehraufwands nutzen zu wollen. Parallel wolle man aber an der Weiterentwicklung von Handball 360 mitwirken, damit das System spätestens zur Saison 2027/28 funktioniert.
Als Gründe werden weiterhin fehlende Funktionalitäten und viele Fehlermeldungen, die auf allen Ebenen „Mehrarbeit und Frust erzeugt bzw. in dieser Form nicht genutzt werden können“, angeführt. Neue Module würden ungetestet freigeschaltet, erst im Live-System korrigiert und würden damit zu Fehlern an anderen Stellen führen, heißt es u.a. in einem Schreiben des Hessischen Handballverbandes, der zudem kritisiert, dass für Testungen und Schulungen der Ehrenamtler in den Vereinen bis zum Saisonstart überhaupt keine Zeit bleibe.
Der Handballverband Nordrhein (HNR) hatte am Mittwochabend ebenfalls eine außerordentliche Sondersitzung zum Thema. Das Ergebnis: Die Reißleine wird (noch) nicht gezogen, die Entscheidung wurde auf Anfang kommender Woche vertagt. Karl-Walter Marx, HNR-Vizepräsident Spieltechnik und Spielwart im Handballkreis Oberberg (HKO) erklärte auf OA-Nachfrage, dass in der Regionalliga Südwest am Wochenende die ersten Spiele der neuen Saison durchgeführt werden und das Passwesen und die Elektronischen Spielberichte bis dahin laufen sollen. Diesen Live-Betrieb wolle man abwarten, ehe man auch im HNR eine endgültige Entscheidung treffen will. Der DHB und Toools hätten zugesichert, dass sämtliche Funktionen für den Saisonstart im HNR am 12. September zur Verfügung stehen werden.
Im Vorfeld der Sondersitzung hatte es einen gemeinsamen Brief der Handballkreise im Nordrhein an das Präsidium des HNR gegeben (liegt OA vor), der ebenfalls von „erheblichen Fehlern und Problemen im System, nicht ausreichend einsetzbaren Funktionen für einen geordneten Spielbetrieb sowie weiterhin offenen datenschutzrechtlichen Problematiken“ spricht, weshalb man dringend davon abrate, Handball 360 bereits in der nächsten Saison einzusetzen. Anders als in dem Brief behauptet, wurde dieser nicht von allen zwölf Handballkreisen unterstützt, sondern laut Marx von neun.
Für den Handballkreis Oberberg erklärte er, dass man das Wochenende für eine Positionierung abwarten wolle. Auch während der Sondersitzung, sei geäußert worden, dass alle Kreise nach den Gesprächen, die angesprochenen Probleme noch einmal überdenken wollen, wenn die Ergebnisse aus dem Live-Betrieb eingeflossen sind. Eine Umstellung auf nu.liga ist laut Marx mit hohem Arbeitsaufwand verbunden, der kaum zu leisten sei, da viele Handballkreise durch die späten Qualifikationsrunden im alten System keine Ligen mehr angelegt haben. Datenschutzrechtliche Probleme sieht er überhaupt nicht. Diese seien durch den DHB umfassend geprüft worden.
Gleichzeitig sagte Marx aber auch, dass man im HNR-Präsidium die Unzufriedenheit an der Basis verstehen könne. „Der DHB hat sich bei diesem Projekt total überschätzt. Das wissen die Verantwortlichen dort auch, aber jetzt geht es darum, das System schnellstmöglich ans Laufen zu kriegen“, so Marx. Probleme bestehen derzeit vor allem im Frontend auf handball.net, wo künftig alle Ligen dargestellt werden sollen. Auch das Passwesen funktioniere noch nicht zu 100 Prozent und der elektronische Spielbericht konnte bislang aufgrund von Fehlermeldungen ebenfalls nicht freigeschaltet werden.
Für Michael Schmidt, Abteilungsleiter beim TV Wahlscheid, ist ein weiteres Probleme die mangelhafte Kommunikation der Verantwortlichen. Während die handelnden Personen beim HNR stets bemüht seien, den Vereinen an allen Ecken zu helfen, werde man vom Entwickler und DHB im Stich gelassen, sagt er. Schmidt spricht von einem „totalen Blindflug“ für die Vereine, da es im verwendeten Ticketsystem der Entwickler weder Rückmeldungen auf gemeldete Fehler noch Schulungen gebe.
Besonders kritisch sieht er zudem, dass sich jeder Handballer (also auch Kleinkinder) mit E-Mailadressen im System anmelden müssen, um eine Spielberechtigung zu erhalten – ein Umstand, der bundesweit massiv in der Kritik steht, auch weil die Anmeldungen über die Sommerferien erfolgen sollten, wo viele Familien für die Vereine kaum greifbar sind. Eine Rückkehr zu nu.liga befürwortet Schmidt dennoch nicht: „Das wäre aufgrund der Mehrarbeit noch schlimmer und für kleine Vereine kaum umsetzbar.“ Wichtig wäre aus seiner Sicht, dass nun alles dafür getan wird, damit zumindest die Spieltermine endlich live abgebildet werden und man auch Ergebnisse einpflegen kann. Der Rest müsse dann zügig nachgearbeitet werden.
Reagiert hat am Donnerstag auch der DHB. In einem „Brief an Handball-Deutschland“ heißt es, man verstehe den Unmut, spricht von berechtigter Kritik und einer schmerzenden aktuellen Situation. Gleichzeitig wirbt der DHB aber auch für sein Projekt, dass aufgrund seiner Vorteile den Arbeitsalltag aller ehrenamtlichen Funktionäre erleichtern werde und riesige Mehrwerte biete: „Das haben wir immer betont, davon sind wir überzeugt, das wird auch so kommen.“
Trotz aller Probleme wünschen sich die Verantwortlichen eine positive Einstellung aller Beteiligten in den Hallen: „Geduld bei technischen Problemen, Verständnis bei zeitlichen Verzögerungen. Handballer an der Basis und Amateurvereine wissen, wie man mit Widrigkeiten umgeht. [….] Handballer lösen solche Probleme Woche für Woche.“
Man habe sich den Start entspannter vorgestellt: „Wir haben alles für den Aufbau von Handball 360 gegeben und trotzdem ist das Haus an wenigen Stellen kurz vor knapp teil-schlüsselfertig. Aber Handballer spielen auch in Hallen, die an manchen Stellen teil-schlüsselfertig wirken.“ Mit Support der Verbände gemischt mit Verständnis, Geduld und kreativen Lösungen werde man den Saisonstart gemeinsam hinkriegen, heißt es abschließend. Es scheint, dass beim größten Handballverband der Welt derzeit vor allem Artikel drei des Kölschen Grundgesetzes gilt: „Et hätt noch emmer joot jejange“.
KOMMENTARE
1
Weiterentwicklung ist gut, das Programm ist auch gut jedoch fehlt es kurz vor Saisonstart an einem reibungslosen Ablauf.
Was hier von ehrenamtlichen verlangt wird ( in der Kürze der Zeit ) sprengt den Rahmen. Gerne noch ein Jahr warten während der Zeit alles Glatt ziehen und nächste Saison durch starten!
Ein ordentlicher Start mitten September wird mit Handball 360 nicht funktionieren.
Bei der HKO Sitzung Anfang des Jahres wurde berichtet, falls Probleme auftreten würde man als Backup auf NuLiga schwenken, plötzlich heißt es hier, es wäre mit großem Aufwand verbunden.
Das ganze stößt auf großes Unverständnis.
2
Ich halte bisher nichts von dem Programm. Meiner Meinung nach braucht das Programm noch deutlich mehr Daten und muss entsprechend validiert werden. So wie es aktuell ist, funktioniert das meiner Ansicht nach nicht.
Bitte daher vorerst nicht wechseln.
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