GUMMERSBACH

Schule in bildungspolitisch bewegten Zeiten

Red; 20.07.2026, 15:55 Uhr
Foto: privat/Frieda Dohmann --- Der Abiturjahrgang 1976 des Gymnasiums an der Moltkestraße: OIa und OIb bunt gemischt.
GUMMERSBACH

Schule in bildungspolitisch bewegten Zeiten

Red; 20.07.2026, 15:55 Uhr
Gummersbach - Vor 50 Jahren fand in Gummersbach das letzte Abitur im Klassenverband statt – Ehemalige des Jahrgangs 1976 feierten ein Wiedersehen.

Wer heutzutage das Abitur anstrebt, hat in aller Regel das Kurssystem der so­genannten Sekun­darstufe 2 mit seinen zahlreichen Verästelungen und Wahlmöglichkeiten vor Augen. Vor einem halben Jahrhundert sah dies in Gummersbach noch ganz anders aus.

 

Der Anlass war würdig genug: 22 „Ehemalige“ des Abiturjahrgangs 1976 fanden sich zum Ende des laufenden Schuljahrs zu einem Wiedersehen am Standort Moltkestraße des Gummersbacher Lin­dengymnasiums ein. Hier war bis vor 50 Jahren ihre alte Wirkungsstätte gewe­sen, das frühere „Städti­sche Jungengymnasium“. Nur die wenigsten der Anwesenden, einst auf­geteilt in OIa und OIb (Oberprima a und b), waren sich dabei be­wusst, dass sie seinerzeit gewisser­maßen Schulgeschichte geschrie­ben hatten – als der letzte Abiturjahr­gang in Gummersbach, der das damals noch als „Rei­fe­prüfung“ be­zeich­nete Examen im Klassenverband abge­legt hat. Im Jahr danach erfolgten die Prü­fungen bereits im Kurs­system der reformierten Ober­stufe.

 

„Im Grunde genommen durfte damals keiner von uns durchfallen“, erläuterte einer der Ju­bilare rückblickend. „Denn zu den Kursen und dem Punktesystem der nachfolgenden Jahr­gangsstufe war unser starres Fächerportfolio nicht kompatibel.“ Das war allerdings nicht das einzige Problem, das sich seinerzeit stellte. Eine weitere, frisch geschaffene Hürde, die die Abiturienten nehmen mussten, hieß Numerus Clausus (NC): die am Abiturnoten­durchschnitt orientierte Zulas­sungs­beschränkung für bestimmte Studienfächer.

 

Für die Verteilung der Bewerber in den NC-Fächern sorgte ab 1973 bundesweit die „Zen­tralstelle für die Vergabe von Studienplätzen“ (ZVS) – und sprach dabei auch etliche Absagen aus. Nicht nur in Gummersbach schaute daher so mancher Abitu­rient recht bitter auf sein mühsam erkämpftes Reife­zeugnis, dessen mäßiger Notenschnitt ihm versagte, seinen Traumberuf zu ergreifen. Angepeilte Studiengänge wie Tiermedizin, Architektur oder Psychologie blieben damit schon damals häufig unerreichbar. „Über die tra­ditio­nelle, von vielen Lehrkräften noch vertretene Vorstellung, mit dem Abitur stehe uns die Welt offen, konnten wir deshalb nur lachen“, resümierte jetzt ein be­troffener Ehemaliger.

 

Aus Protest gegen NC und ZVS weigerte sich der Abiturjahrgang damals, die Abschluss­zeugnisse in der üblichen offiziellen Abitur-Entlassungsfeier entgegenzunehmen. „Uns war nicht nach Festreden, geladenen Honoratioren und musikalischem Rahmen zumute“, erinnern sich einige der Gold-Abiturienten noch heute. Stattdessen wurden die Zeugnisse formlos in kleinem Kreis vor Mitschülern und Lehrkräften im Lehrerzimmer (OIa) oder einzeln im Zim­mer des Direktors (OIb) ausgehändigt.

 

Mit dem 1976er-Abitur endete am Jungengymnasium zudem eine weitere Tradition. Die da­malige OIa war in Gummersbach die letzte rein männliche Abiturklasse. In die Parallelklasse OIb waren zuvor schon einige Schülerinnen aufgenommen worden. „Manche Lehrer fremdel­ten allerdings mit der Koedukation“, erin­nerten sich mehrere Gold-Abiturienten. „Sie hätten lieber weiterhin nur Jungen unterrich­tet.“

 

Aus heutiger Sicht, so die Ehemaligen im Rückblick, wuchsen sie damals in bildungspoli­tisch bewegten Zeiten auf: Die flächendeckende Einführung der Koedukation, die Oberstufen­reform und  die Studienbeschränkungen bekamen sie dabei hautnah mit.

 

Nach 50 Jahren Abwesenheit hatte sich, wie sie bei einem Rundgang durch ihre „alte“ Schule feststellen konnten, trotz vieler bildungspoli­tischer Neuerungen nicht alles geändert. So fanden die Ehe­maligen zum Beispiel in den Klassenräumen neben digitalen Medien immer noch die klassischen (wenn auch inzwischen erneuer­ten) „Kreide-Tafeln“ vor. „Bewährte Notfallhardware bei Stromausfällen“, meinte ein Jubilar trocken.

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