GUMMERSBACH
Schule in bildungspolitisch bewegten Zeiten
Gummersbach - Vor 50 Jahren fand in Gummersbach das letzte Abitur im Klassenverband statt – Ehemalige des Jahrgangs 1976 feierten ein Wiedersehen.
Wer heutzutage das Abitur anstrebt, hat in aller Regel das Kurssystem der sogenannten Sekundarstufe 2 mit seinen zahlreichen Verästelungen und Wahlmöglichkeiten vor Augen. Vor einem halben Jahrhundert sah dies in Gummersbach noch ganz anders aus.
Der Anlass war würdig genug: 22 „Ehemalige“ des Abiturjahrgangs 1976 fanden sich zum Ende des laufenden Schuljahrs zu einem Wiedersehen am Standort Moltkestraße des Gummersbacher Lindengymnasiums ein. Hier war bis vor 50 Jahren ihre alte Wirkungsstätte gewesen, das frühere „Städtische Jungengymnasium“. Nur die wenigsten der Anwesenden, einst aufgeteilt in OIa und OIb (Oberprima a und b), waren sich dabei bewusst, dass sie seinerzeit gewissermaßen Schulgeschichte geschrieben hatten – als der letzte Abiturjahrgang in Gummersbach, der das damals noch als „Reifeprüfung“ bezeichnete Examen im Klassenverband abgelegt hat. Im Jahr danach erfolgten die Prüfungen bereits im Kurssystem der reformierten Oberstufe.
„Im Grunde genommen durfte damals keiner von uns durchfallen“, erläuterte einer der Jubilare rückblickend. „Denn zu den Kursen und dem Punktesystem der nachfolgenden Jahrgangsstufe war unser starres Fächerportfolio nicht kompatibel.“ Das war allerdings nicht das einzige Problem, das sich seinerzeit stellte. Eine weitere, frisch geschaffene Hürde, die die Abiturienten nehmen mussten, hieß Numerus Clausus (NC): die am Abiturnotendurchschnitt orientierte Zulassungsbeschränkung für bestimmte Studienfächer.
Für die Verteilung der Bewerber in den NC-Fächern sorgte ab 1973 bundesweit die „Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen“ (ZVS) – und sprach dabei auch etliche Absagen aus. Nicht nur in Gummersbach schaute daher so mancher Abiturient recht bitter auf sein mühsam erkämpftes Reifezeugnis, dessen mäßiger Notenschnitt ihm versagte, seinen Traumberuf zu ergreifen. Angepeilte Studiengänge wie Tiermedizin, Architektur oder Psychologie blieben damit schon damals häufig unerreichbar. „Über die traditionelle, von vielen Lehrkräften noch vertretene Vorstellung, mit dem Abitur stehe uns die Welt offen, konnten wir deshalb nur lachen“, resümierte jetzt ein betroffener Ehemaliger.
Aus Protest gegen NC und ZVS weigerte sich der Abiturjahrgang damals, die Abschlusszeugnisse in der üblichen offiziellen Abitur-Entlassungsfeier entgegenzunehmen. „Uns war nicht nach Festreden, geladenen Honoratioren und musikalischem Rahmen zumute“, erinnern sich einige der Gold-Abiturienten noch heute. Stattdessen wurden die Zeugnisse formlos in kleinem Kreis vor Mitschülern und Lehrkräften im Lehrerzimmer (OIa) oder einzeln im Zimmer des Direktors (OIb) ausgehändigt.
Mit dem 1976er-Abitur endete am Jungengymnasium zudem eine weitere Tradition. Die damalige OIa war in Gummersbach die letzte rein männliche Abiturklasse. In die Parallelklasse OIb waren zuvor schon einige Schülerinnen aufgenommen worden. „Manche Lehrer fremdelten allerdings mit der Koedukation“, erinnerten sich mehrere Gold-Abiturienten. „Sie hätten lieber weiterhin nur Jungen unterrichtet.“
Aus heutiger Sicht, so die Ehemaligen im Rückblick, wuchsen sie damals in bildungspolitisch bewegten Zeiten auf: Die flächendeckende Einführung der Koedukation, die Oberstufenreform und die Studienbeschränkungen bekamen sie dabei hautnah mit.
Nach 50 Jahren Abwesenheit hatte sich, wie sie bei einem Rundgang durch ihre „alte“ Schule feststellen konnten, trotz vieler bildungspolitischer Neuerungen nicht alles geändert. So fanden die Ehemaligen zum Beispiel in den Klassenräumen neben digitalen Medien immer noch die klassischen (wenn auch inzwischen erneuerten) „Kreide-Tafeln“ vor. „Bewährte Notfallhardware bei Stromausfällen“, meinte ein Jubilar trocken.