GUMMERSBACH

Die Zivilgesellschaft muss sich als Brandmauer verstehen

kp; 16.09.2026, 12:00 Uhr
Fotos: Matthias Pohl --- Die Zivilgesellschaft müsse sich ihrer gemeinsamen Kraft erinnern und sich selbst als Brandmauer sehen, mahnte die Journalistin aus Hamburg.
GUMMERSBACH

Die Zivilgesellschaft muss sich als Brandmauer verstehen

kp; 16.09.2026, 12:00 Uhr
Gummersbach – Die Journalistin Ruth Hoffmann hielt in der Halle 32 einen Vortrag zum Thema „Raubzug von rechts: Familie, Freiheit, Widerstand“.

Von Katja Pohl

 

Natürlich kennt auch Ruth Hoffmann die Schwierigkeit, Menschen zu erreichen, die sich gerade erst oder schon länger vom Populismus der AfD blenden lassen. „Aufklärungsarbeit hat leider immer das Problem, dass sie nicht die Richtigen erreicht“, gab die Journalistin bei der, von Dr. Bernhard Wunder vom Katholischen Bildungswerk geleiteten, Diskussion nach ihrem Vortrag zum Thema „Raubzug von rechts: Familie, Freiheit, Widerstand“ zu.

 

Doch das dürfe die Zivilgesellschaft, die ja immer noch mehrheitlich eben nicht die AfD wähle, davon abhalten zu widersprechen, zu diskutieren und zu zeigen „Wir sind die Brandmauer!“. Sie erinnerte an die großen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus in Hamburg, Leipzig oder Köln: „Diese Kraft brauchen wir weiterhin.“ Sprach davon, Menschen in ihren Sorgen nicht allein zu lassen. Ermunterte dazu, das Wort „Anstand“ wieder mit Bedeutung zu füllen, an das Gerhard Jenders, Vorsitzender des Vereins „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!“ in der Gesprächsrunde erinnert hatte. Es war ein leidenschaftliches Plädoyer, hinzuschauen und im Bemühen, Rassismus und Ausgrenzung, stumpfen Parolen und Geschichtsverzerrung Widerstand entgegenzusetzen, nicht nachzulassen.

 

[Die Journalistin Ruth Hoffmann stellte im L&C Raum der Halle 32 in Gummersbach ihr aktuelles Sachbuch vor.]

 

Zu Beginn des Abends, zu dem das Katholische Bildungswerk Oberberg in Kooperation mit der Demokratiekirche Oberberg und der Oberbergischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit eingeladen hatte, las die Autorin aus Hamburg aus ihrem dritten Sachbuch „Raubzug von rechts – Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht“ (Goldmann Verlag, 22 Euro) und erläuterte ihre Rechercheergebnisse.

 

Schon im vergangenen Jahr hatte sie in Gummersbach ihr Buch „Das deutsche Alibi - Mythos „Stauffenberg-Attentat“ – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird“ vorgestellt. Nun zeigte sie anhand von fünf Schlagworten – Nation, Freiheit, Familie, Demokratie, Widerstand – wie Politikerinnen und Politiker der AfD Begrifflichkeiten zunächst für sich einnehmen, um sie dann in ihrem eigenen, radikalisierten Kontext für sich zu nutzen. „Wen erinnert das nicht an die Denkweise im Dritten Reich, zumal es im Vorgehen der AfD durchaus Ähnlichkeiten zur Machtübernahme der NSDAP gibt. Diese Parteien sind sicherlich nicht gleich, aber Parallelen im Vorgehen können einfach nicht von der Hand gewiesen werden.“, so Hoffmann.

 

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Sie sprach zudem darüber, dass die Partei 2019 in Brandenburg im Wahlkampf mit „Mehr Demokratie wagen“ ein Zitat Willy Brandts von 1969 für sich nutzte und der Kreisverband Nürnberg-Süd/Schwabach sogar behauptete „Sophie Scholl würde AfD wählen“. Dieser Slogan führte zu größter Kritik und einem Gerichtsverfahren, dessen abschließendes Urteil seine Nutzung verbot – aber zunächst wurde er in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Die AfD inszenierte sich als die Partei, die zugunsten der Bürgerinnen und Bürger Widerstand leistet und nutzte dafür ausgerechnet Sophie Scholl, die für ihren Kampf gegen das NS-Regime starb.

 

[Die AfD hat vielleicht gerade erst Geschichte geschrieben - doch das heißt nicht, dass der Partei auch die Zukunft gehöre, betonte Autorin Ruth Hoffmann in ihrem Vortrag.]

 

Was genau aber dieser Widerstand gegen die „Kartellparteien“ beinhaltet, was es konkret heißen soll, sich Deutschland zurückzuerobern – darauf bleibt die AfD die Antworten schuldig. Stattdessen blockiere sie mit ungezählten Kleinen Anfragen die Arbeit des Bundestages und der Landesparlamente, werfe stets nur Sand ins Getriebe der Demokratie. Ruth Hoffmann betonte, wie selten es der rechten Partei um Fakten gehe, wie sehr sie stattdessen diffuse Ängste durch geschickte Wortwahl für sich instrumentalisiere, ungesicherte und vor allem unwahre Thesen verbreite und damit immer wieder durchkomme. „Wir haben das alles viel zu lange hingenommen. Lügen werden so lange wiederholt, bis sie wie eine Wahrheit erscheinen.“

 

Und das gelte sicherlich nicht nur im Osten Deutschlands. Die Journalistin mahnte: „Wir können uns die Arroganz nicht erlauben, zu denken, im Westen Deutschlands würde die AfD niemals eine Mehrheit holen.“ Ja, es stimme, die AfD habe mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt Geschichte geschrieben, jedoch: „Das heißt nicht, dass dieser Partei auch die Zukunft gehört.“

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