FUSSBALL

Gelebter Traum in Deutschlands höchster Amateurliga

jlo; 11.02.2021, 14:30 Uhr
Foto: Jürgen Lorenz --- Wolfgang Waldheim blättert in den Ordnern mit Erinnerungsstücken an den Aufstieg im Jahr 1986.
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Gelebter Traum in Deutschlands höchster Amateurliga

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jlo; 11.02.2021, 14:30 Uhr
Oberberg – OA nimmt die Auszeit im Amateursport zum Anlass, in den Geschichtsbüchern zu wälzen, und berichtet in loser Folge über sportliche Erfolge und Höhepunkte im Oberbergischen der vergangenen Jahre.

Von Jürgen Lorenz

 

1986: Der TuS Lindlar steigt in die Fußball-Oberliga auf

 

Der 25. Mai 1986 war ein spezieller Tag in der Historie des früheren Fußballkreises Rheinberg, der vor nunmehr zwei Jahrzehnten mit dem Alt-Kreis Oberberg zum Fußballkreis Berg fusionierte. Der TuS Lindlar holte sich vor 35 Jahren in überzeugender Manier den Meistertitel in der Verbandsliga und sicherte sich damit den Aufstieg in die seinerzeit höchste Amateurspielklasse. Direkt nach der Oberliga begann mit der 2. Bundesliga bereits der „bezahlte“ Fußball in Deutschland.

 

Andreas Harnisch, Hansi Buchholz (2), der in überzeugender Manier mit 23 Saisontreffern die Torjägerkanone gewann, sowie Rainer Petermann und Peter Steglich sorgten mit ihren Treffern für einen deutlichen 5:1-Erfolg gegen den FC Düren-Niederau. Neben 3.000 fanatischen Fans ließen sich auch Lindlars Bürgermeister Siegfried Sax sowie dessen Amtskollege aus der englischen Partnerstadt Shaftesbury, Philip Proctor, dieses Highlight nicht entgehen - ebenso wie ein anwesendes Kamerateam des WDR. Danach wurde in Lindlar eine dreitägige Party gestartet. „Der Aufstieg war eigentlich gar nicht geplant, aber die Mannschaft war in dem Jahr so gut und eingespielt, die wären wahrscheinlich sogar ohne einen Trainer aufgestiegen“, sagt der heutige Klubvorsitzende und damalige Obmann Wolfgang Waldheim mit einem Augenzwinkern. „Das war schon phänomenal, was die Jungs gespielt haben.“

 

Und auch Peter Vollmann, heute "Vorstand Sport" bei Zweitligist Eintracht Braunschweig, erinnert sich trotz zahlreicher Engagements als Profi-Trainer im In- und Ausland noch genau an seine Zeit beim TuS Lindlar. „Wir sind aus der Landesliga über die Verbandsliga in die Oberliga durchmarschiert. Unseren kleinen Dorfverein hatte keiner auf dem Zettel“, denkt der 63-Jährige voller Euphorie an die alten Zeiten zurück. „Fußballerisch und menschlich hat das einfach alles gepasst. Wir waren ein verschworener Haufen. Da ist einer für den anderen gerannt.“ Trainer Karl-Ernst Helmus sei sehr gut vernetzt gewesen und habe in vielen Belangen das richtige Händchen gehabt. „Er hat aus Kämpfern und Fußballern eine gute Mischung hinbekommen“, so Vollmann weiter. Der Ex-Marienheider war in der Vorsaison von Rot-Weiß Lüdenscheid nach Lindlar gewechselt und soll einen Teil der Ablösesumme sogar selbst aufgebracht haben.

 

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Helmus habe vor allen Dingen auf Athletik und Ausdauer geachtet. Dafür wurde, für damalige Verhältnisse in hiesigen Regionen unvorstellbar, extra der Posten eines Co-Trainers geschaffen. Peter Breidenbach kümmerte sich als zweiter Mann hinter Helmus vornehmlich um den konditionellen Part. „Über die Trainingspraxis würde man heute den Kopf schütteln. Wir haben schwere Geländeläufe über 13, 14 Kilometer absolviert. Jeder hat dabei versucht, das Maximale herauszuholen – und am Ende sind wir fast immer zusammengebrochen“, schildert Vollmann. Die gute Physis habe sich aber später bezahlt gemacht. „Körperlich waren wir trotz der unterschiedlichen Kräfteverhältnisse im Vergleich zu den Topteams immer sehr gut dabei.“

 

Das Team sollte möglichst optimal verstärkt werden, um das Abenteuer Oberliga nicht zu einem Desaster werden zu lassen. „Der Aufstieg war ja nicht einkalkuliert und finanziell eigentlich nicht zu stemmen. Aber wir wollten den sportlich verdienten Aufstieg auf jeden Fall wahrnehmen“, betont Waldheim. Also griff Trainer Helmus auf sein Netzwerk zurück. Frank Weller (BVL Remscheid), Daniel Liesner (Fortuna Oberaußem), André Zanter (SV 09 Wermelskirchen), Stefan Labude (1. FC Köln Amateure) und Hans-Jörg Schneider (VfR Marienhagen) verstärkten den Neuling. Dieser bekam es mit namhaften Teams wie dem MSV Duisburg, Viktoria Köln, VfB Remscheid, BVL Remscheid (zuvor BV 08 Lüttringhausen), Schwarz-Weiß Essen, Wuppertaler SV, Bonner SC, 1. FC Bocholt und den Amateurmannschaften des 1. FC Köln und von Bayer 04 Leverkusen zu tun.

 

Bereits in der Sommer-Vorbereitung machte der TuS positiv von sich reden. So unterlag man dem Zweitligisten Alemannia Aachen nur knapp mit 1:2, der mit drei Nationalspielern bestückte HFC Haarlem wurde sogar mit 2:1 geschlagen. Dennoch wollte der Start in die Liga nicht so recht gelingen. Beim Mitaufsteiger VfB Langenfeld handelte man sich eine 0:3-Niederlage ein. Zwar gelang dem TuS gegen den 1. FC Bocholt im ersten Heimspiel vor 1.700 Zuschauern ein 1:1-Unentschieden. Aber bis zum ersten Erfolg musste sich der Underdog gedulden: Am achten Spieltag setzte sich die Helmus-Truppe nach einem frühen 0:2-Rückstandes mit 3:2 gegen den 1. FC Viersen durch – und ließ gegen die Bayer-Amateure direkt die nächsten beiden Punkte folgen (1:0). Trotz teilweise überraschender Ergebnisse reichte es am Ende der Spielzeit nur zum 17. Tabellenplatz, der den Wiederabstieg bedeutete. 31:87 Tore und 18:50 Punkte waren zu wenig.

 

„Wir haben in großen Stadien gespielt, teilweise vor 10.000 Zuschauern. Da lagen Welten zwischen uns in Lindlar mit unserem kleinen Rasenplatz und manch anderen Vereinen“, erklärt Vollmann, dem ein Ereignis besonders im Gedächtnis geblieben ist. „Erich Ruthemöller war Trainer beim Bonner SC und die hatten eigentlich den Kader einer Zweitligamannschaft. Dann haben sie bei uns verloren und er hat mit hochrotem Kopf den Platz verlassen und es einfach nicht verstanden, wie so etwas passieren konnte“, freut er sich noch heute diebisch über den Coup. Und auch Ruthemöller hat das Match offenbar nicht vergessen. „Ich habe ihn vor ein paar Jahren nochmal darauf angesprochen...“, konnte sich der spätere Trainerkollege einen kleinen Seitenhieb im Rückblick auf alte Zeiten nicht verkneifen.

 

Für Wolfgang Waldheim war der Ausflug in die höchste deutsche Amateurklasse der richtige Schritt. „Die Entscheidung 'pro Oberliga' war für uns mit dem Aufstieg gefallen. Wir wollten uns aber finanziell nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das konnten wir alles nur dank eines Förderkreises stemmen, der uns mächtig unterstützt hat“, erläutert Waldheim. „Wir mussten einen zusätzlichen Eingang zum Platz bauen. Es wurde eine Treppe in den Hang unterhalb gegossen, damit die Mannschaften dort einlaufen konnten. Geländer wurden neu montiert und versetzt. Es fanden nach den Spielen Pressekonferenzen im Restaurant des Hallenbades statt“, zählt der Vereinsboss einige Veränderungen auf. „Außerdem rückte zu den so genannten Hochsicherheitsspielen eine Einsatzhundertschaft der Polizei an. Die Einsatzzentrale war im Tennisheim. Teilweise war sogar das Fernsehen vor Ort. Wir hatten immer einen Zuschauerdurchschnitt von über 1.000 Besuchern. Insgesamt hat sich das Abenteuer gelohnt. Die positiven Erinnerungen überwiegen“, denkt Waldheim mit Wehmut an den "gelebten Traum".

 

Nachdem der TuS 54 Jahre lang ununterbrochen auf Verbandsebene gespielt hat, folgte vor zwei Jahren der Abstieg in die Kreisliga A. „Aber das wollen wir schnellstmöglich wieder korrigieren“, hofft der Vereinschef auf eine baldige Rückkehr in die Bezirksliga. Der einstige Oberligist muss in der Gegenwart kleinere Brötchen backen.

 

Die Mannschaft

 

Tor: Daniel Liesner, Wolfgang Marquardt

 

Abwehr: Norbert Heidemann, Thomas Heidemann, Siegfried Hoffstadt, Dieter Schröder, Manfred Schulte, Willi Tscholl, Peter Vollmann, Klaus Winterberg, Frank Weller, André Zanter

 

Mittelfeld/Angriff: Hansi Buchholz, Andreas Harnisch, Stefan Labude, Rainer Petermann, Hans-Jörg Schneider, Peter Steglich, Eric Wagner

 

Trainer: Karl Ernst Helmus; Co-Trainer: Peter Breidenbach

KOMMENTARE

1

Toller Artikel, kann mich noch gut an die tollen Fussballer erinnern, später sind ja einige nach Marienheide auch dort war man sehr erfolgreich, wer mir hier jedoch viel zu kurz kommt ist der Wolfgang Waldheim, was Wolfgang da seit Jahrzehnten leistet ist unfassbar gut, der TuS ist definitiv Wolfgang Waldheim.

Hase, 11.02.2021, 17:56 Uhr
2

Wolfgang , was Du geleistest hast , du Wahnsinniger , ist mit Worten nicht zu beschreiben
Nicht nur in " guten " Zeiten , sondern auch in " weniger guten Zeiten "
hast Du Deinen " Mann " gestanden


Schöne Grüße vom Niederrhein

Jürgen Lendzian, 12.02.2021, 18:33 Uhr
0 von 800 Zeichen
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