BLAULICHT

Vergewaltigungsprozess: Angeklagter behauptet, höhere Macht steuere ihn

pn; 25.11.2020, 18:00 Uhr
Foto: Peter Notbohm --- Der 33-jährige Angeklagte mit seinem Strafverteidiger Achim Keuter.
BLAULICHT

Vergewaltigungsprozess: Angeklagter behauptet, höhere Macht steuere ihn

pn; 25.11.2020, 18:00 Uhr
Reichshof/Bonn – Prozessbeginn am Bonner Landgericht – 33-Jähriger soll 59-jährige Nachbarin vergewaltigt haben – Vorbestrafter Mann glaubt seit seiner Haftentlassung unter der Gewalt von ‚Science‘ zu stehen.

Von Peter Notbohm

 

„Ich stehe unter der Gewalt von ‚Science‘! Alles, was ich tue, ist sein Befehl.“ Unzählige Male musste der Dolmetscher für Amharisch diese Aussage des Angeklagten zum Prozessauftakt am Bonner Landgericht wiederholen. Hier muss sich seit dem heutigen Mittwoch Kidane B. (Anm.d.Red.: Name geändert) verantworten: Ihm wird vorgeworfen, am 19. Juni dieses Jahres in Reichshof seine 59-jährige Nachbarin am frühen Morgen brutal vergewaltigt zu haben. Dabei soll er ausgenutzt haben, dass sein Opfer halbseitig gelähmt ist und sich kaum wehren konnte. Der 33-jährige Mann aus Eritrea legte zu Beginn der Verhandlung zwar so etwas wie ein Geständnis ab, berief sich aber darauf, seit längerem durch eine höhere, okkulte Macht, die er stets ‚Science‘ nannte, fremdgesteuert zu sein.

 

Dass Kidane B. scheinbar in seiner eigenen Welt lebt, musste die 3. Große Strafkammer schnell feststellen. Mit weit aufgerissenen Augen und einem teils apathisch wirkenden Blick fixierte der Mann immer wieder die Prozessbeteiligten, wenn er sprach und seine Beziehung zu ‚Science‘ erläuterte. Bei bohrenden Nachfragen verfiel er allerdings auch in das genaue Gegenteil und blickte stur schweigend zu Boden. Die Kammer hatte Mühe, Details aus ihm herauszuholen. Auch in Reichshof sei der Mann durchaus bekannt gewesen, berichtete eine als Zeugin geladene Polizistin: „Nachbarn beschrieben mehrfach seinen irren Blick.“

 

Der Angeklagte war 2005 aufgrund von religiöser Unterdrückung zunächst aus seinem Heimatland nach Dschibuti geflohen, ehe es 2011 nach Griechenland ging. In Deutschland landet er im Januar 2012 mit einem Schiff in Bremerhaven. Von hier aus wurde er in ein Asylbewerberheim in Reichshof gebracht. Nachdem sein Antrag zunächst abgelehnt worden war, erkannte das Oberverwaltungsgericht Köln seinen Status Ende 2013 doch an. Im Sommer 2014 kam es zu einem Streit in einer Obdachlosenunterkunft, hierbei verletzte er eine andere Person schwer und wurde anschließend zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt.

 

„Nach meiner Entlassung bin ich von ‚Science‘ attackiert worden. Das Gericht hat ihn mir auferlegt, damit ich weiter bestraft werde“, berichtete Kidane B., der laut eigener Aussage in Freiheit auch häufiger Marihuana konsumiert habe und Medikamente nehme. Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richtern, wie sie sich ‚diese höhere Macht vorstellen müsse, reagierte er zunehmend genervter und verweigerte mehrfach die Aussage: „Sie verstehen ‚Science‘ nicht. Bestrafen sie mich für diese Sache und lassen sie mich wieder ins Gefängnis, damit ich schlafen kann“, reagierte er mehrmals schnippisch. Die Staatsanwältin raunte er ebenfalls an, dass er nicht mit ihr spreche.

 

In die Wohnung seines späteren Opfers war Kidane B. vermutlich durch einen Trick gekommen. Am Vorabend hatte er seiner Nachbarin, die er bis dahin nicht gekannt habe, Nudeln und Tomatensauce gebracht und dabei wahrscheinlich den Wohnungsschlüssel gestohlen. Den Geschlechtsakt mit der 59-Jährigen bezeichnete er als unangenehm, streckenweise verhöhnte er sie mit seinen Aussagen. Ihr Schweiß und Atem hätten gestunken, sagte er. „Ich würde niemals mit einer Frau, mit diesem Altersunterschied Sex haben. Aber es war der Befehl von ‚Science‘. Er will, dass ich wieder ins Gefängnis komme.“

 

Für den Prozess sind insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt, es ist eine Vielzahl an Zeugen geladen. Nächster Verhandlungstermin ist am 8. Dezember, das Urteil wird für den 22. Dezember erwartet.

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