BLAULICHT

„Es gab keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung der Allgemeinheit“

pn; 29.10.2026, 14:30 Uhr
Foto: Polizei OBK ---- Marc Leporin ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der oberbergischen Polizei.
BLAULICHT

„Es gab keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung der Allgemeinheit“

pn; 29.10.2026, 14:30 Uhr
Oberberg - Marc Leporin, Sprecher der Polizei Oberberg, äußert sich nach den Schüssen in Bergneustadt im OA-Interview zur Kommunikation der Polizei und erklärt, warum die Balance zwischen umsichtiger Kommunikation und dem schnellen Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht immer einfach ist.

Von Peter Notbohm

 

OA: Herr Leporin, am Sonntag kam es in Bergneustadt auf offener Straße zu drei Schüssen auf einen Menschen, der dabei schwer verletzt wurde. Der Täter ist seitdem flüchtig (OA berichtete). Polizei und Staatanwaltschaft haben offiziell darüber erstmals erst über 24 Stunden später berichtet. Können Sie das Unverständnis aus Teilen der Bevölkerung und der Bergneustädter Stadtpolitik über die späte Informationspolitik seitens der Behörden verstehen?

Leporin: Grundsätzlich kann ich das natürlich verstehen, dass es für einen Außenstehenden schon mal schwer nachvollziehbar ist, wenn wir in so einem Sachverhalt spät informieren. Aber es gibt gewisse Voraussetzungen und Vorschriften, die wir beachten müssen, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen.

 

OA: Warum sind die Informationen bei diesem Vorfall erst so spät geflossen?

Leporin: Grundsätzlich ist es so, dass bei allgemeiner Kriminalität die Sachbearbeitung bei der Polizei des Oberbergischen Kreises liegt. In Nordrhein-Westfalen ist es aber so geregelt, dass wir Kriminalhauptstellen eingerichtet haben. Wenn es zu herausragenden Delikten kommt, geht die Sachbearbeitung in diesen Fällen zur Kriminalhauptstelle. Für uns im Oberbergischen Kreis ist das das Polizeipräsidium Köln, das nicht nur für den Oberbergischen Kreis zuständig ist, sondern beispielsweise auch für den Rhein-Sieg-Kreis oder für den Rheinisch-Bergischen Kreis. Mit der Sachbearbeitung liegt dort dann auch die Pressehoheit.

 

Das heißt, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit findet dann auch von dort statt. Ein weiterer Player, der mitspielt, ist die Staatsanwaltschaft, die alleinig dazu befugt ist, Presseauskünfte zu geben. Wir müssen uns hier also mit drei Playern auseinandersetzen, wo Absprachen untereinander zwingend erforderlich sind. Das geht im Grunde auch oftmals sehr schnell. Aber es gibt natürlich auch Sachverhalte, die einer größeren Erörterung bedürfen, wo das eben mal nicht so schnell geht.

 

OA: Über die sozialen Medien und Berichte aus der Nachbarschaft kam es sehr schnell zu Spekulation, darunter auch manche Falschmeldungen, die ein Eigenleben entwickeln. Das dürfte nicht im Sinne der Polizei sein. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, zumindest erste gesicherte Informationen wie die Schüsse und ob eine aktuelle Gefahr für die Bürger besteht, offiziell zu veröffentlichen? Dabei geht es ja nicht darum, ermittlungstaktische Details verraten.

Leporin: Das ist natürlich Fluch und Segen der sozialen Medien, wo die Polizei wenig Einfluss darauf hat, was sich dort verbreitet. Es geht aber bei diesen Absprachen, die zwingend erforderlich sind, nicht nur darum, ermittlungstaktische Details oder Hintergründe abzuklären, sondern auch einfach darum, wer ist überhaupt berechtigt, Presseauskünfte zu erteilen. Da geht es gar nicht darum, was oder in welcher Form sage ich etwas, sondern ich (Anm.d.Red.: als Pressesprecher der Polizei Oberberg) darf dann überhaupt nichts sagen. Das heißt, sobald die Entscheidung gefallen ist, dass eine Mordkommission eingerichtet wird, übernimmt das Polizeipräsidium Köln die Ermittlungen und ist damit alleine berechtigt, Presseauskünfte zu geben, welcher Art auch immer.

 

OA: Das heißt, Sie haben überhaupt kein Mitwirkungsrecht mehr oder können darauf drängen, die Bevölkerung über die aktuelle Gefahrenlage zu informieren? Das ist schließlich einer der Hauptvorwürfe aus Bergneustadt.

Leporin: Natürlich erfolgen Absprachen mit dem Pressesprecher der Polizei Köln in solchen Fällen. Grundsätzlich haben wir aber keinen großen Einfluss darauf, weil auch der Pressesprecher der Polizei Köln sich wiederum mit dem Staatsanwalt absprechen muss. Man sieht: Da gibt es viele Absprachen, die erfolgen. Und je nachdem, wie komplex ein Sachverhalt ist und auch zu welcher Tageszeit oder an welchem Wochentag so etwas stattfindet, geht so etwas schon mal sehr schnell oder es kann auch schon mal länger dauern.

 

Wenn eine konkrete Gefährdung vorliegt, können wir natürlich die Bevölkerung auch ohne Absprache mit der Staatsanwaltschaft davor warnen und die Öffentlichkeit informieren. Bei dem Fall in Bergneustadt war für uns aber sehr schnell klar, dass eine Streitigkeit von zwei Personen eskaliert ist. Es gab für uns keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung der Allgemeinheit.

 

OA: Wie schwer ist es die Balance zwischen umsichtiger Kommunikation mit überprüften Fakten und dem in diesen Fällen schnellen Informationsinteresse der Öffentlichkeit zu finden?

Leporin: Diese Balance ist immer sehr schwierig zu finden. Wir wollen natürlich die Öffentlichkeit schnellstmöglich über solche Sachverhalte informieren. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch immer darauf achten, dass das Ermittlungsergebnis gerade in so einem frühen Stadium nicht gefährdet wird.

 

OA: Dass es auch anders gehen kann, hat die Polizei bei den Schüssen in der Gummersbacher Innenstadt gezeigt. Die Öffentlichkeit wurde damals über vor Ort anwesende Pressevertreter sehr zeitnah mit den notwendigen Informationen versorgt. Wie sieht die Kommunikationsstrategie der Polizei im Optimalfall bei solchen Großlagen aus?

Leporin: Die Voraussetzungen bei dem Fall mit den Schüssen in der Gummersbacher Innenstadt waren etwas anders. Der Sachverhalt ereignete sich während der üblichen Bürodienstzeiten. Das heißt die Ansprechpartner der beteiligten Behörden waren im Dienst und schnell erreichbar. Somit ging das dort auch entsprechend schneller. Bei Großlagen ist es so, dass kleine Polizeibehörden, wie die des Oberbergischen Kreises, keinen Bereitschaftsdienst für den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit haben. In diesen Fällen übernimmt die Leitstelle die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

OA: Werden die Abläufe nach Sonntag noch einmal auf den Prüfstand gestellt?

Leporin: Natürlich. Einsätze, die über ein normales Maß hinausgehen, werden im Nachhinein immer nachbereitet. Und natürlich wird auch dieser Punkt auf den Prüfstand gestellt.

 

OA: Wie ist der aktuelle Stand der Ermittlungen? Laut Polizei Köln gilt der Tatverdächtige weiterhin als flüchtig. Gibt es Erkenntnisse zum Aufenthaltsort bzw. wurde die Waffe sichergestellt?

Leporin: Da sind wir genau beim angesprochenen Thema. Noch liegt dieser Fall in der Sachbearbeitung der Polizei Köln. Und dementsprechend muss ich darum bitten, diese Anfrage dort zu stellen.

 

OA: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Auf OA-Rückfrage erklärte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Donnerstagmittag, dass nach dem Tatverdächtigen, einem 26-jährigen Bergneustädter, weiterhin gefahndet wird. Weitere Details könne man aus ermittlungstaktischen Gründen daher noch nicht an die Öffentlichkeit geben.

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