Gummersbach – Schwestern wurden von falschen Polizeibeamten um viel Geld und Schmuck betrogen – Ein vermeintliches Mitglied der Verbrecherbande steht seit heute vor Gericht.
Von Lars Weber
Immer wieder meldet die Polizei Betrugsfälle, bei denen sich die Täter als Polizeibeamte ausgeben und ihre Opfer vor großem Schaden bewahren möchten - und zwar, indem sie Geld und Schmuck "in Sicherheit" bringen möchten. Und trotz aller Warnungen: Immer wieder haben die Betrüger Erfolg. Einer dieser Fälle ist heute vor dem Gummersbacher Amtsgericht verhandelt worden. Tarek R. (Anm.d.Red.: Alle Namen geändert) musste sich vor dem Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Ulrich Neef wegen gemeinschaftlichen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verantworten.
Die vorgeworfenen Taten ereigneten sich zwischen dem 12. und 15. Oktober im vergangenen Jahr. Das Opfer an jedem dieser Tage: ein Geschwisterpaar aus Gummersbach, 78 und 87 Jahre alt. Laut Anklage soll Tarek R. Mitglied der Bande gewesen sein, die die Taten geplant hat und teils in Deutschland und teils in der Türkei sitzt. Die Aufgabe des 26-Jährigen: Er soll derjenige gewesen sein, der die Beute bei den Schwestern jeweils abgeholt hat.
Die Strategie der Täter war stets gleich. Beim ersten Anruf schilderte ein bis heute Unbekannter, der sich als Hauptkommissar Krüger ausgab, dass es einen Raubüberfall in der Nachbarschaft gegeben habe. Dabei sei eine Frau schwer verletzt worden, weil sie ihren Schmuck nicht rausgeben wollte. Da die Polizei jetzt auch die Schwestern in Gefahr sehe, sollten sie besser ihren Schmuck im Schließfach bei der Kripo Gummersbach hinterlegen. Die Schwestern befolgten die Anweisung und übergaben später Schmuck im Gesamtwert von mehr als 30.000 Euro an den geschickten Boten.
Getreu dem Motto: Was einmal funktioniert, klappt bestimmt wieder, bekamen die Schwestern gleich am nächsten Morgen den nächsten Anruf. Und tags drauf noch einmal. Dieses Mal ging es um Geld, das in Sicherheit gebracht werden sollte. Und jedes Mal wurde später am Tag Geld übergeben, nachdem es zuvor bei der Bank geholt wurde. Insgesamt mehr als 40.000 Euro. Sogar die ersten Wertpapiere mit einem Wert von 100.000 Euro waren schon verkauft, nur das Geld ließ noch auf sich warten. Von der Beute soll sich der Angeklagte immer ein bisschen selbst genommen und den Rest weitergegeben haben.
Der Bank kam die Sache seltsam vor. Die Angestellten befragten die beiden Seniorinnen. Die Schwestern flunkerten und gaben an, das Geld für ein neues Auto oder eine Eigentumswohnung zu brauchen - sie glaubten „ihrem“ Hauptkommissar, dass bei der Bank ein Maulwurf der Verbrecher sitzt. Die Bank rief aber trotzdem die Polizei.
Und diese stellte der Bande gemeinsam mit den Schwestern eine Falle, nachdem die richtigen Beamten die Seniorinnen erstmal davon überzeugt hatten, dass sie wirklich die Guten sind. Erneut rief Hauptkommissar Krüger an und wollte Geld abholen lassen. Erneut ging eine der Schwestern zur Bank, bekam vor Ort aber nur einen Umschlag mit Überweisungsträgern. Bei der Übergabe schlug die Polizei zu. Tarek R. versuchte zu fliehen, widersetzte sich den Polizisten, konnte aber schnell gestellt werden. Der Fahrer des Wagens, mit dem Tarek R. kam, wurde ebenfalls festgenommen, das Verfahren ist aber bereits eingestellt, da ihm keine Straftat nachgewiesen werden konnte.
Bei dem Angeklagten heute liegt der Fall anders. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, dass er nur bei der letzten Übergabe den Boten gespielt habe. Und das auch nicht ganz freiwillig. Da er zu dem Zeitpunkt stark von Kokain abhängig war, hätten sich Schulden bei seinem Dealer angehäuft. Dieser habe ihm die Wahl gelassen: bezahlen oder ihm einen Gefallen tun. Der Dealer habe ihm gesagt, dass er nur etwas bei seiner Tante abholen müsse. Als eine der Schwestern Tarek R. dann aufgemacht habe, hätte er Panik bekommen. „So sieht für gewöhnlich keine Tante eines türkischen Mannes aus“, so der Rechtsanwalt. Seit der U-Haft habe er den Drogenkonsum reduziert und er geht einer geregelten Arbeit nach. Zu einem anderen Verfahren, bei dem der Angeklagte noch im April Kokain in seiner Hose von den Niederlanden nach Deutschland zu schmuggeln versuchte, wurden weiter keine Angaben gemacht.
Neben dem Bankangestellten, der mit seinen Kollegen die Polizei rief, und einem der beteiligten echten Polizisten nahmen auch die beiden Schwestern heute im Zeugenstand Platz. Sie schilderten, wie sehr sie vor Scham im Boden versanken und wie sehr sie die Geschehnisse beschäftigten. „Heute kommt alles wieder hoch.“ Während die 87-Jährige zum Täter keine hilfreichen Angaben machen konnte – sie hatte ihn nur von hinten gesehen oder es war zu dunkel – war sich ihre 78-jährige Schwester sehr sicher: „Es kam zu jeder Abholung immer dieselbe Person“.
Bis heute könnten sie sich kaum erklären, wie sie überhaupt in diese “schreckliche Situation“ kommen konnten. „Sonst legen wir den Hörer immer schnell auf.“ Dieses Mal war aber etwas anders. Beide berichteten von der besonderen Stimme und den gewählten Worten des selbsternannten Hauptkommissars. „Dieser Einschmeichler hat uns geradezu hypnotisiert damit.“ Nach dem ersten Anruf kam es immer wieder zu weiteren Telefonaten, die Betrüger hielten ihre Opfer in Schach, ließen sie sogar dauerhaft die Jalousien schließen. “Wie blöd wir doch waren.“ Staatsanwaltschaft und Richter Neef versicherten ihnen, dass dem nicht so ist. „Wir erleben tagtäglich, wie Menschen auf andere Menschen reinfallen.“
Weitere Angeklagte gibt es im Zusammenhang mit diesem Betrug nicht. Diese Identitäten blieben unbekannt, auch weil Tarek R. aus Angst keine weiteren Angaben machen möchte, beispielsweise zu seinem Dealer. Das Geld und der Schmuck sei vermutlich in die Türkei gebracht worden. Ein Urteil wurde heute noch nicht gefällt. Der Prozess wird Freitag, 19. November, ab 9:30 Uhr am Amtsgericht Gummersbach fortgesetzt.