BLAULICHT
"Die Macht in Gummersbach": Lange Haftstrafen für drei Männer aus der Türsteher-Szene
Gummersbach/Köln - Gruppierung um einen Gummersbacher (27) soll mehrere Menschen erpresst und überfallen haben - Am Landgericht fiel nun nach sechs Monaten Verhandlung das Urteil - Richter übt Kritik an Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft.
Von Peter Notbohm
Vor einem halben Jahr ist am Landgericht Köln ein echter Mammutprozess gestartet. Sieben Männer aus Gummersbach, Engelskirchen und Nümbrecht, mussten sich seitdem u.a. wegen räuberischer Erpressung, schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung, Drogenhandels und Verstoßes gegen das Kriegswaffengesetz verantworten. Am Freitag hat die 10. Große Strafkammer nun das Urteil gesprochen.
Längst nicht alle Vorwürfe hielten der Prüfung durch das Gericht stand. Der Vorsitzende Richter Dr. Alexander Linke übte in seinem rund 75-minütigen Urteil zudem erhebliche Kritik an der Arbeit der Ermittlungsbehörden. Linke sprach von einem außergewöhnlichen Verfahren, „das auf so vielen Ebenen Stoff für wilde Geschichten“ geboten habe, „dass man kaum weiß, wo man anfangen soll“. Glaube man der Anklage, mache Gummersbach den Eindruck einer „failed city“, einer Stadt, die wesentliche Funktionen wie Sicherheit, Infrastruktur und soziale Grundversorgung nicht mehr gewährleisten kann.
Es sei der Eindruck entstanden, „dass eine Gruppe tschetschenischstämmiger Personen Gummersbach in Angst und Schrecken versetzt hat“ und dass sich „unterschiedliche, kriminelle Gruppierungen die Stadt untereinander aufteilen“, so Linke. Doch im Ergebnis sei von einer „sehr umfangreichen Anklage nicht mehr ganz so viel übriggeblieben“, führte der Vorsitzende weiter aus. Es sei aber auch nicht so – wie von der Verteidigung in den Plädoyers behauptet –, dass auf der Anklagebank „nur liebe, nette Leute“ gesessen hätten. „Denn liebe, nette Leute brauchen kein Arsenal an Baseballschlägern, Schlagringen, Messern und Schusswaffen“, so der Richter.
Gleichzeitig hätten sich die Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung der Taten aber auch „nicht mit Ruhm bekleckert“. Linke sprach von vielen Suggestivfragen und auch manche Vernehmung der Polizei hätte aus Sicht der Kammer kritischer hinterfragt werden können: „Der Verteidiger Udo Klemt hat hier gesagt, er mache die Arbeit der Ermittlungsbehörden. Das ist an manchen Stellen nicht von der Hand zu weisen“, so Linke.
Auch die Verteidiger hatten laut einem Medienbericht im Rahmen der Plädoyers viel Kritik an den Ermittlungen geübt. Einer der Angeklagten schimpfte in seinem letzten Wort, dass die Polizei stereotypisch gearbeitet habe: „Nur weil eine junge Dame mit osteuropäischen Aussehen bei Minus fünf Grad einen Pelzmantel trägt, macht sie das nicht automatisch zu einer Prostituierten.“ Seine Freundin würde bis heute auf eine Entschuldigung der Behörden warten.
Der Hauptangeklagte, ein 27-jähriger Gummersbacher, wurde u.a. wegen Erpressung in fünf Fällen, wegen Betruges in vier Fällen (zwei im Versuch), gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit räuberischer Erpressung sowie Anstiftung zu besonders schwerem Raub und wegen Besitzes einer Maschinenpistole vom Typ Skorpion zu einer Gesamtstrafe von acht Jahren und drei Monaten verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte für ihn zehn Jahre Haft gefordert.
Ein Nümbrechter (25) wurde u.a. wegen Anstiftung zum besonders schweren Raub zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Für vier Jahre und acht Monate muss ein Gummersbacher (24) hinter Gitter, der u.a. an den Erpressungen beteiligt war. Zu Bewährungsstrafen von einem Jahr bzw. von elf Monaten wurden ein Engelskirchener (23) und ein Gummersbacher (30) verurteilt. Zwei weitere Gummersbacher (40, 41) wurden jeweils von allen Vorwürfen freigesprochen., sie müssen für die erlittene Untersuchungshaft entschädigt werden. Bis auf zwei Angeklagte waren alle Männer während des Verfahrens bereits aus der U-Haft entlassen worden.
Die Richter waren nach unzähligen Verhandlungstagen letztlich überzeugt, dass der Hauptangeklagte zwischen Juni 2023 und Februar 2025 der Chef einer Gruppierung war, die auch im Security-Bereich unterwegs war. Als Türsteher sollen die Männer dabei einheitliche Pullover getragen haben. Auf diesen soll in Anlehnung an den Nachnamen des 27-jährigen Gummersbachers ein Kürzel seines Nachnamens sowie der Zusatz „Die Macht in Gummersbach“ gestanden haben.
Doch statt nur in Clubs den Eintritt zu regeln, soll man vor allem einige Menschen gnadenlos erpresst und abgezogen haben. Ein Opfer soll über 35.000 Euro bezahlt haben, darunter eine vermeintliche Vertragsstrafe, weil der Mann nicht mehr als Türsteher für die Gruppierung habe arbeiten wollen. Einem anderen Opfer habe man maskiert eine volle Ladung Pfefferspray in die Augen gesprüht, um ihm eine Louis Vuitton Tasche mit 4.500 Euro Inhalt abzunehmen. Der Mann hatte anschließend vier Wochen lang Probleme, überhaupt etwas sehen zu können. Doch damit nicht genug: Nach dem Überfall habe man dem Mann Hilfe angeboten, die Attacke aufzuklären und dafür zur Belohnung ebenfalls 5.000 Euro bekommen.
Richter Linke sprach von einem wiederkehrenden Schema. In zahlreichen Fällen habe die Gruppe Schutz für nicht existente Bedrohungen bzw. selbst geschaffene Gefahren angeboten . Dabei sei nichts ohne das Einverständnis des Hauptangeklagten gelaufen, der dabei als „graue Eminenz und Spiritus Rector“ stets im Hintergrund geblieben sei. Trotzdem verneinte das Gericht den Vorwurf einer Bande, da die rechtlichen Voraussetzungen hierfür in keinem der insgesamt 40 vorgeworfenen Fälle erfüllt worden seien.
Mehrere Vorwürfe habe das Gericht zudem nicht aburteilen können, weil die Zeugenaussagen laut Linke teilweise „eine Vollkatastrophe“ gewesen seien, „auf die man sich im Ergebnis nicht stützen“ konnte, die teilweise aber enorme Zeit im Verfahren gekostet hätten. Unter anderem konnte man den Angeklagten deshalb keinen Drogenhandel mit mindestens 1,5 Kilogramm Kokain nachweisen. Die Angeklagten hatten sich vor dem Urteil in ihren letzten Worten reumütig gezeigt und für ihr Verhalten entschuldigt.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.