POLITIK

Zweifelhafte Vergangenheit

lw; 02.03.2021, 06:00 Uhr
Fotos: Lars Weber.
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Zweifelhafte Vergangenheit

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lw; 02.03.2021, 06:00 Uhr
Nümbrecht –Dr. Heinrich Schild und Otto Kaufmann im Fokus – Neue Bewertung ihrer Rollen in der NS-Zeit – Straßen sollen umbenannt werden.

Von Lars Weber

 

Die Dr. Schild-Straße und die Otto-Kaufmann-Straße sollen bei der Sitzung des Nümbrechter Rats am Donnerstag, 4. März, im Park-Hotel umbenannt werden. Die Dr. Schild-Straße würde demnach zur Nümbrechter Straße, die Otto-Kaufmann-Straße zur Gouvieuxstraße. So geht es aus einem interfraktionellen Antrag aller vertretenden Parteien im Rat (CDU, Grüne, SPD, GUD, WGHL, FDP, Die Linke) gemeinsam mit Bürgermeister Hilko Redenius hervor. Grund für den Antrag sind neue Bewertungen des Wirkens von Dr. Heinrich Schild und Otto Kaufmann während der NS-Zeit.

 

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Seit 1978 trägt die Dr. Schild-Straße ihren Namen. Benannt ist sie nach Dr. Heinrich Schild (1895 - 1978), der ab 1960 CDU-Mitglied war, dem Bundestag, dem Europaparlament und dem oberbergischen Kreistag angehörte und von 1961 bis 1972 auch Bürgermeister Nümbrechts war. Von 1964 bis 1969 war er zudem Landrat des Kreises. „Unstreitig ist, dass er sich nach 1945 als regionaler und überregionaler Politiker engagierte“, heißt es im Antrag. „Streitig ist seine Rolle während der NS-Herrschaft.“

 

Besonders im Fokus der Bewertung seiner Rolle in dieser Zeit ist der Kauf der Haël-Werkstätten im brandenburgischen Marwitz 1933 gemeinsam mit Hedwig Bollhagen und der darauf folgenden Gründung der eigenen Keramik-Fabrik. Grundlage ist das Forschungswerk „Hedwig Bollhagen und die Marwitzer Keramikwerkstätten in der NS-Zeit“ von Dr. Simone Ladwig-Winters, in dem es vor allem um „Arisierungs“-Vorwürfe gegen Bollhagen geht. Die Bewertung der darin enthaltenen Passagen über Dr. Schild durch den renommierten Historiker Dr. Christoph Kreutzmüller, den die Gemeinde herangezogen hat, fällt eindeutig aus.

 

 

Schild habe die Zwangslage der geflüchteten Haël-Unternehmerin Margarete Heymann-Loebenstein bedenkenlos ausgenutzt. Zudem sei Schild „Generalsekretär und Gleichschaltungsbeauftragter des Reichsstandes des deutschen Handwerks“ gewesen. Dies könne nichts anderes bedeuten, als das er den ehemaligen Verband im Sinne der Nationalsozialisten umgestaltet und so einen Beitrag zur Etablierung der Diktatur geleistet habe, so Dr. Kreutzmüller. Zudem sei Schild bereits vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler in die NSDAP eingetreten. „Also nicht aus Karrieregründen, sondern wohl aus Überzeugung.“ Die Umbenennung der Straße hält der Historiker dementsprechend für gerechtfertigt.

 

Die Otto-Kaufmann-Straße trägt seit 1987 diesen Namen und führt inzwischen von der Kreuzung Hauptstraße 7, Spreitger Weg am Friedhof vorbei bis zur Kreuzung Gouvieuxstraße, Leo-Baer-Straße. In diesem Fall wurden der Gemeinde Unterlagen über das Wirken des Heimatforschers (1900 - 1985) vor 1945 während der NS-Zeit zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich vor allem um eine Abschrift der Schulchronik der Hilfsschule Gummersbach aus der Zeit von 1934 bis 1941.

 

Die Authentizität der Unterlagen wurde von Michael Kamp, Leiter des bergischen Freilichtmuseums Lindlar, bestätigt. Sein eindeutiges Ergebnis nach den Forschungen teilte er der Gemeinde in einer Mail mit. Es sei unbestreitbar, dass „der Lehrer Otto Kaufmann ein überzeugter Nationalsozialist war, der sich mit dem Regime mehr als notwendig arrangiert hat und die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus als weltanschaulicher Erzieher vertreten und verbreitet hat.“

 

Mit der Straßenbenennung verfolge die Gemeinde Nümbrecht unter anderem das Ziel, verdiente Persönlichkeiten der Gemeinde zu ehren und damit auch ihre Vorbildfunktion hervorzuheben. Im Falle des Politikers Dr. Schild und des Heimatforschers Otto Kaufmann sei mit Blick auf die Tätigkeiten während der NS-Zeit diese Vorbildfunktion nicht mehr gegeben, schreiben die Antragsteller in der Vorlage. „Mit dieser konkurrierenden Lebenseinschätzung würde heute eine Straßenbenennung nicht erfolgen“, heißt es weiter.

 

Mit der Umbenennung soll das Thema aber nicht abgeschlossen sein, wie aus der Beschlussvorlage hervorgeht. Das Thema soll im Bau- und Betriebsausschuss weitergehend diskutiert werden. So sollen auch Leitlinien entwickelt werden, ob überhaupt noch Straßen nach Personen benannt werden.

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