JUNGE LEUTE

Büffeln in Zeiten des Virus

pn; 24.03.2020, 20:00 Uhr
Fotos: Privat --- Hannah Stöcker hält unter anderem per Videochat mit ihren Lehrern und Mitschülern Kontakt. Momentan bereitet sie sich auf die Abiturprüfungen in ihren Leistungskursen Englisch und Erdkunde vor.
JUNGE LEUTE

Büffeln in Zeiten des Virus

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pn; 24.03.2020, 20:00 Uhr
Oberberg - Zahlreiche Abiturienten sollen nach Ostern ihre Prüfungen ablegen - OA hat mit Schülern gesprochen und gefragt, wie sie sich auf die Klausuren vorbereiten.

Von Peter Notbohm

 

Hannah Stöcker arbeitet seit Wochen auf die Phase nach den Osterferien hin: Die Schülerin des Lindengymnasium Gummersbach ist eine von zahlreichen oberbergischen Jugendlichen, die ab dem 19. April ihre Abiturprüfungen schreiben sollen – noch. Dass sie kommenden Monat wirklich drei Klausuren und eine mündliche Prüfung ablegen wird, davon geht die 18-Jährige derzeit nicht aus, bereitet sich aber trotzdem gewissenhaft vor. „Man wird uns das Abitur sicherlich nicht schenken, aber verweigern kann man es uns auch nicht“, rechnet sie mit einer Verlegung der Termine, die Ungewissheit nagt an ihr aber genauso wie an vielen anderen Schülern.

 

Während in Hessen trotz öffentlicher Kritik seit dem 19. März die Klausuren geschrieben werden, haben mit Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen vier Bundesländer die Prüfungen bereits in den Mai verschoben. In Schleswig-Holstein wird Bildungsministerin Karin Prien am morgigen Mittwoch einen Beschlussvorschlag ins Parlament einbringen, die Abiturprüfungen komplett abzusagen. Die NRW-Landesregierung hält noch an den aktuellen Terminen fest.

 

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Anfangs, gibt Stöcker zu, habe sie sich nach der deutschlandweiten Schließung aller Schulen noch wie viele ihrer Mitschüler über das verfrühte Ende des Unterrichts gefreut, in Zeiten der häuslichen Quarantäne und der Vorbereitung auf das Abitur hat aber nicht nur bei ihr ein schnelles Umdenken eingesetzt. „Man muss die Zeit ja trotzdem sinnvoll nutzen und schon nach wenigen Tagen sind in meinem Freundeskreis die Anfragen mehr geworden, ob wir nicht weiter gemeinsam lernen und uns den Stoff erarbeiten können. Aber das ist in Zeiten des Kontaktverbots wirklich schwierig“, weiß sie.

 

Von der Schule hat sie einen Office-Zugang bekommen und kann auch mit ihren Lehrern über Videochat kommunizieren. „Auf der faulen Haut liegen kann ich zum Glück gar nicht“, ist sie froh, weiterhin Pflichtaufgaben einschicken zu müssen, auch wenn sie sagt, dass man in den eigenen vier Wänden längst nicht soviel Stoff schaffe, wie das in der Schule möglich wäre. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hält die Handballerin des HC Gelpe/Strombach aber für richtig und zeigt wenig Verständnis für die sogenannten Corona-Partys: „Es wird ja nicht umsonst gesagt, dass man zu Hause bleiben und möglichst wenig Kontakt haben soll.“ Nach dem Abitur plant sie zunächst ein freiwilliges soziales Jahr, um in Ruhe abwägen zu können, ob sie sich für eine Ausbildung oder ein Studium entscheidet.

 

Pläne für den Sommer – nach einem erfolgreich absolvierten Abitur - hatte auch Bastienne Bourbones. Die Schülerin der Stufe 13 der Gesamtschule Waldbröl wollte eigentlich zunächst arbeiten gehen, anschließend ins Ausland reisen und danach ein freiwilliges soziales Jahr bei einem ambulanten Dienst beginnen, um zu sehen, ob ein Medizinstudium wirklich das richtige für sie ist. Zunächst einmal quält aber auch sie die Ungewissheit, wie es in den kommenden Wochen weitergeht: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Anfang Mai in geschlossenen Räumen mit bis zu 20 Menschen sitzen darf.“ Von ihren Lehrern wird sie nicht nur über das schulinterne „Lo-net²“ mit Aufgaben für ihre Leistungskurse Biologie und Deutsch versorgt, auch sonst fühlt sie sich gut informiert: „Wir werden von unseren Lehrern so gut es geht auf dem Laufenden gehalten.“

 

Wie schwierig das Thema Selbstdisziplin in häuslicher Quarantäne ist, hat aber auch sie festgestellt. Zu Beginn der Schulschließungen habe sie noch sofort mit ihren Vorbereitungen auf die Abiturklausuren begonnen und alle Unterlagen sortiert, „mittlerweile macht man aber auch gerne einmal etwas anderes.“ Mit ihren Freunden aus ihren Leistungskursen organisiert sich die 19-Jährige aber über WhatsApp und versucht sich bestmöglich vorzubereiten. Verständnis für die strikten Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus hat sie trotz aller Probleme, die diese mit sich bringen, aber dennoch: „Es ist absolut gerechtfertigt, dass alles versucht wird, die Ausbreitung einzudämmen. Ich möchte niemanden anstecken.“

 

[Auch Leon Hanka verbringt die meiste Zeit am Schreibtisch und bereitet sich auf seine Abiturprüfungen vor.]

 

Diese Einstellung teilt auch Leon Hanka. Der Schüler der Stufe 13 an der Gesamtschule Reichshof kann zwar ein wenig beruhigter in die Zukunft schauen, da er einen Ausbildungsplatz bereits in der Tasche hat, an seiner Schule ergibt sich allerdings eine Sondersituation, da die dritte Vorabiklausur kurzfristig abgesagt wurde. Momentan wird geplant, diese unmittelbar nach Ostern nachzuholen und die eigentlichen Prüfungen an einem der Nachschreibetermine nachzuholen. „Das würde sich innerhalb von acht oder neun Tagen natürlich wahnsinnig stauchen“, sagt der 18-Jährige, der die Leistungskurse Biologie und Sozialwissenschaften belegt. Er und seine Mitschüler werden zwar von ihren Lehrern mit reichlich Material über die Lernplattform „Moodle“ versorgt, die Auswirkungen der Corona-Krise haben aber auch bei ihnen für Verunsicherung gesorgt.

 

„Man versucht natürlich täglich, sich zu bemühen und dank der digitalen Infrastruktur funktioniert das auch, aber der Online-Unterricht ist nicht mit dem in der Klasse zu vergleichen“, meint er. Dass er in knapp einem Monat zu den Abiturprüfungen in die Schule muss, damit rechnet Hanka momentan nicht. „Ich könnte mir zwar vorstellen, die Klausuren in kleinen Gruppen zu schreiben, zweifle aber an der Umsetzbarkeit.“ Die Maßnahmen der Politik bezeichnet er ebenfalls als „vollkommen richtig“, mittlerweile merke der 18-Jährige aber, dass ihm die direkten sozialen Kontakte mit seinen Freunden, Mitschülern und Lehrern fehlen. „Das versetzt einen in einen unausgelasteten Zustand und damit fällt es auch schwerer, sich auf das Lernen zu konzentrieren“, berichtet er von einem Problem, das vermutlich viele Menschen haben dürften.

 

Was bei einem Ausfall der Abiturprüfungen passieren würde, darüber haben die Kultusminister der Länder bereits debattiert. Eine Annullierung des Schuljahres schließt Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) gänzlich aus. „Das Schuljahr 2019/2020 wird auf jeden Fall gewertet“, sagte die rheinland-pfälzische SPD-Bildungsministerin gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Für den Fall, dass Abschlussprüfungen gar nicht durchgeführt werden können, wird es eine entsprechende Regelung geben, bei der die gegenseitige Anerkennung auch gesichert ist", so Hubig. Schülern sollen durch die besondere Situation keine Nachteile entstehen.

 

Auch der Philologenverband hat sich bereits Gedanken gemacht und schließt wegen der möglichen Folgen der Corona-Krise ein Abitur ohne Abschlussprüfungen nicht aus. Momentan hofft Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Verbandes, zwar noch, dass die Prüfungen nur später absolviert werden müssen, es gebe aber Alternativen, wie sie gegenüber RND sagte. Zwei Drittel der Abiturnote seien bereits durch die Leistungen in den Kursen erbracht. Das fehlende Drittel solle eine Prüfungssituation abbilden. „Dafür brauchen wir die Abiturprüfungen aber nicht zwingend. Wir könnten diese Note nämlich auch aus vorherigen Klausurleistungen in den Prüfungsfächern berechnen», so Lin-Klitzing und betonte: „Wir können, wenn es notwendig sein sollte, auch ein Abitur ohne eigene Abiturprüfungen hinbekommen.“

 

+++ 2. Meldung +++

 

Während die Landesschülervertretung Nordrhein-Westfallen sich für eine Verschiebung des Abiturs einsetzt, hält die KMK daran fest, die Prüfungen wie geplant durchzuführen. Laut Sophie Halley, Vorstandsmitglied der Schülervertretung, plädieren viele Schüler dafür, das Zentralabitur auszusetzen und die Klausuren stattdessen von den Schulen stellen zu lassen. "Die Prüfungen jetzt zu schreiben, wie es in Hessen gemacht wird, halten wir für die ganz falsche Lösung", meint die 18-Jährige. Die KMK einigte sich am gestrigen Mittwoch trotzdem darauf, dass "zum heutigen Zeitpunkt" keine Absage von Prüfungen notwendig sei. Über das weitere Vorgehen würden sich die Bundesländer eng in der Minsterkonferenz abstimmen.

KOMMENTARE

1

Dieses wo hier Berichtet wurde ist ein gutes
Beispiel leider gibt es auch das Krasse Gegenteil.
Da wurden zunächst ermal Mail Adressen Gesammelt das die Aufgaben zu Hause ankommen.
Kontakt zu den Lehren ? Mails werden nach 3 Tagen beantwortet von Video weit entfernt. Und der Kontakt zu den Lehren 2 x pro Woche das war es.
Leider bleibt da vieles an den Eltern hängen, um für "Stoff" zu sorgen.
Von Schule Digital und so weit entfernt.....
Und das mitten in Gummerbach.....

Torsten X, 25.03.2020, 06:52 Uhr
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