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Nie das eigentliche Ziel aus den Augen verloren

ls; 23. May 2018, 16:05 Uhr
Bilder: Leif Schmittgen --- Friedhelm Meisen feierte kürzlich seinen 75. Geburtstag.
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Nie das eigentliche Ziel aus den Augen verloren

ls; 23. May 2018, 16:05 Uhr
Gummersbach - Vor Kurzem wurde Friedhelm Meisen 75 Jahre alt - Zeit, um zurück, aber auch nach vorne zu schauen.
Von Leif Schmittgen

Friedhelm Meisen ist ein sehr umtriebiger Mensch, der vieles für die Allgemeinheit tut, aber auch gerne darüber spricht. Im Mittelpunkt, so sagt er, steht er aber trotzdem ungern. Deshalb hat seine Geburtstagsfeier Ende April auch nur im engsten Familien- und Freundeskreis stattgefunden. Natürlich in seinem "Holsteiner Fährhaus", jenes Lokal, dass er seit 40 Jahren in Gummersbach-Rebbelroth erfolgreich betreibt.

Und das war in den Anfangsjahren nicht immer so, erinnert sich Meisen an den Umzug aus Köln ins Oberbergische anno 1978: „Die umliegenden Gastronomen haben mir mit meiner Idee höchstens drei Monate gegeben“, sagt er. Dass aus seinem Geschäftsgedanken nach fast 40 Jahren eine Erfolgsgeschichte wurde, erfülle ihn mit Zufriedenheit. Auf das Wort „stolz“ verzichtet er dabei bewusst, denn das habe immer auch etwas mit Egoismus zu tun. Er räumt aber im Nachsatz ein, dass die Nörgler von damals, allesamt von der gastronomischen Bildfläche verschwunden seien.

Erfahrungen in der Gastronomie sammelte er vorher in der Kölner Altstadt, wo er zuvor unter anderem eine Diskothek betrieb. Auch seine Eltern waren Gastronomen, sodass er dieses „Gen“ bereits in die Wiege gelegt bekommen hat. Der berufliche Weg hat Ende der 1960er Jahre allerdings beim damaligen Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei) begonnen. „Das war nicht mein Ding“, sagt Meisen heute rückblickend. Ein Glücksfall also, dass er von der Verwandtschaft ein Ladenlokal für seine Diskothek angeboten bekam.

[Sind seit 42 Jahren glücklich miteinander verheiratet: Caroline und Friedhelm Meisen.]

Der Trubel der Großstadt wurde ihm irgendwann zu viel, weshalb er sich zum Umzug nach Oberberg entschloss. Jener Bundesgrenzschutz allerdings öffnete für Meisen die Türen für eine zweite große Karriere außerhalb der Gastronomie, seine heutige Leidenschaft, den Karatesport: „Ich habe damals mit dem Boxen angefangen um mich - auch beruflich - fit zu halten.“ An seinem Dienstort Bad Godesberg entdeckte er eine Karateschule und war sofort angetan von der fernöstlichen Kampfkunst. „Irgendetwas fehlte mir aber dennoch“, verrät er. Denn die angewandte "Kata", eine Kampfkunst und Philosophie des Karate wollte der junge Meisen nicht nur nach „Schema F“ abarbeiten, sondern auch verstehen.

Durch Zufall entdeckte er auf einem Plakat, dass in Köln ein japanischer Karatelehrer eine Schule eröffnet hatte und hier fand er schließlich seinen Meister: „Akio Nagai hat mich die Hintergründe des Karate verstehen lassen. Ein Schlag muss so viel Perfektion beinhalten, dass er den Kampf mit einem Mal beenden kann“, nennt der 75-Jährige ein Beispiel der Philosophie. Das habe nicht viel mit Kraft zu tun, sondern sei vor allem Kopfsache. Man dürfe das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und das bezieht Meisen nicht nur auf den Kampfsport, sondern auch auf das Leben. „Es gibt immer unterschiedliche Wege, zum Ziel zu kommen“, resümiert er. Man lebe auch von seinen eigenen Fehlern.

Nach einem schweren Verkehrsunfall 1971 habe er sich nicht damit zufriedengegeben, nur auf Krücken zu laufen, sondern selbstständig nach Wegen gesucht, auch wieder auf eigenen Beinen laufen zu können. Meisen sieht das Ereignis als Metapher für sein Leben. Um den richtigen Weg zu finden, habe er aber immer auch auf Ratschläge seines Freundeskreises gehört, der ihm bis heute sehr wichtig ist und ihm immer Halt gegeben hat. Sein sportlicher Höhepunkt war der Gewinn des Senioren-Weltmeistertitels 1997.


„Das war schon toll, obwohl ich erst spät mit dem Sport angefangen habe“. Erst mit 24 Jahren war er zum Karate gekommen. In dem Alter sei der Körper nicht mehr so leistungsfähig, die hohen Tritte seien ihm deshalb nicht mehr so gut gelungen. Entscheidend sei aber die mentale Stärke. Und diese gibt Friedhelm Meisen nun schon seit vielen Jahren an junge Menschen weiter. Nachdem er nach seinem Umzug zunächst im heimischen Garten allein trainierte, arbeitete er zunächst als Trainer bei einem Bergneustädter Verein, ehe er sich in den frühen 90er Jahren mit seinem eigenen „Dojo“ selbstständig machte.

Seither betreuten er und seine Mitstreiter Hunderte von Kindern, auch aus sozial schwachen Familien, denen er durch den Sport einen Weg ins Leben gezeigt hat. „Einige Kinder sind nicht dabeigeblieben, haben aber trotzdem etwas für das eigene Leben mitgenommen“, ist der Karatelehrer überzeugt. Viele seiner ehemaligen Schüler hätten ihm das auch nach Jahren bestätigt. Für sein soziales Engagement bekam er 2006 das Bundesverdienstkreuz verliehen, viele weitere Auszeichnungen sollten folgen. Zuletzt wurde ihm der Titel „UNESCO-Botschafter“ für den Karatesport im Dezember 2017 verliehen.

Aber nicht nur der Sport und sein Freundeskreis haben das Leben des 75-Jährigen geprägt, seit 42 Jahren ist er glücklich mit Ehefrau Caroline verheiratet, die ihm seither treu zur Seite steht. Privat wünscht sich Meisen für die Zukunft, dass sein Umfeld – darunter seine beiden Kinder – gut versorgt ist, was der Fall sei. Und im Karatesport ist auch noch nicht Schluss: Meisen plant eine Zusammenarbeit mit einer Sonderschule, um Kindern mit Behinderung eine Türe zu seinem Sport zu öffnen. Von Resignation ist bei Meisen trotz des Erreichten nichts zu spüren, denn er will weiterhin für seine Gäste im Restaurant wie auch seine Karateschüler da.