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Hinter den Kulissen des Industriestandorts Oberberg

db,fj; 30. Jun 2017, 10:35 Uhr
Bilder: Michael Kleinjung, Martin Hütt (1 bis 3, Galeriebilder 1 bis 15), Dirk Peters (Galeriebilder 41 bis 45) --- BPW war eine der vielen Stationen bei der Langen Nacht der Industrie.
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Hinter den Kulissen des Industriestandorts Oberberg

db,fj; 30. Jun 2017, 10:35 Uhr
Oberberg – Unter dem Motto „Industrie live erleben“ öffneten gestern zwölf Unternehmen ihre Werkstore für Besucher – Die „Lange Nacht der Industrie“ fand zum zweiten Mal im Oberbergischen statt und war restlos ausgebucht.
Zum zweiten Mal öffneten gestern Unternehmen ihre Tore für Besucher und machten Industrie live erlebbar. Rund 600 Interessierte nutzten die 2. Lange Nacht der Industrie im Oberbergischen Kreis, um an einer der acht Touren durch insgesamt zwölf oberbergische Unternehmen teilzunehmen – womit die Veranstaltung restlos ausgebucht war. Gestartet wurde am Campus Gummersbach der Technischen Hochschule Köln sowie am Festplatz an der Wiesenstraße in Radevormwald. Mit Bussen wurden die Teilnehmenden zu den Unternehmen gefahren, in denen sie dann eine Werksführung unternahmen.

Mit der BPW Bergische Achsen Kommanditgesellschaft öffnete auch eines der größten und bekanntesten Unternehmen der Region sein Werkstor am Hauptstandort in Wiehl. BPW ist aber heutzutage viel mehr als nur Fahrwerkshersteller für Lkw-Anhänger und -Auflieger und ist über verschiedene Tochterunternehmen in vielen Bereichen wie etwa Beleuchtung, Anhängeraufbauten und Telematik tätig. Letzteres beschreibt die Kombination von Telekommunikation und Informatik. In der Praxis wird etwa der Reifendruck eines Lastwagens über Sensoren ständig kontrolliert, denn ein optimaler Wert spart Kraftstoffkosten und beugt dem Verschleiß vor.


[Rainer Butting erzählte über das bereits mehrfach prämierte Ausbildungsangebot von BPW.]

Das Traditionsunternehmen mit einem Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Euro feiert im kommenden Jahr sein 120-jähriges Bestehen. Von Alterserscheinungen jedoch keine Spur – im Gegenteil. Modern aufgestellt treibt BPW das eigene Unternehmen und die gesamte Branche mit Innovationen nach vorne. Ein Beispiel dafür ist die elektrisch betriebene Antriebsachse, die auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) im vergangenen Jahr vorgestellt wurde und für emissionsfreien Lieferverkehr bis 7,5 Tonnen in der Innenstadt entwickelt wurde. Neben Elektromobilität sind auch Digitalisierung und die sogenannte Industrie 4.0 ein großes Thema bei BPW.



BPW-Schulungsreferent Nils Henkelmann führte die Besucher an der automatisierten Wheelend-Montage (Radkopf-Montage) vorbei. Hier sind unter anderem zwei Roboterarme im Einsatz, die unermüdlich Bolzen für Scheiben- und Trommelbremsen setzen, die anschließend getestet werden. Die schweren Bauteile fahren unter anderem auf kleinen Transportern durch die Werkshalle – ganz automatisch ohne Fahrer. Natürlich bremsen die orangefarbenen Fahrzeuge, wenn ihnen doch mal ein Mensch in die Quere kommt.

Das Unternehmen sieht sich als Mobilitätspartner für Fahrzeugbetreiber – etwa Speditionen – und als Systempartner für Fahrzeughersteller. Für Kundennähe und einen hohen Spezialisierungsgrad sorgen bei BPW 1.600 Mitarbeiter und rund 120 Auszubildende. „Wir bilden 20 Ausbildungsberufe aus“, berichtete Ausbildungsleiter Rainer Butting. Neben klassischen Ausbildungsberufen gehören auch duale Studiengänge zum Ausbildungsangebot von BPW. Und auch Menschen ohne klassischen Schulabschluss bekommen hier eine Chance.  Mit guten Erfahrungen, wie Butting sagte.



Wertarbeit der Firma Otto Kind haben jeden Tag Millionen Menschen weltweit vor der Nase, wahrscheinlich ohne es zu wissen. Wer im Supermarkt beherzt nach einer Packung Nudeln oder einer Flasche Saft greift, nimmt die Produkte in vielen Fällen aus einem Regal der Marke Kind. 1901 gründete Otto Kind sein Unternehmen für Ladenbau in Marienheide. „Seine Passion war es, Ordnung zu schaffen“, berichteten die heutigen Geschäftsführer Rainer Cordes und Lutz Schneppendahl den Besuchergruppen.


[Landrat Jochen Hagt (Mitte) im Gespräch mit den Kind-Geschäftsführern Rainer Cordes und Lutz Schneppendahl.]

Die Anforderungen an das Unternehmen, das heute in Gummersbach-Dümmlinghausen beheimatet ist, änderten sich über die Jahrzehnte. In den 1960er Jahren meisterte man die Herausforderung der ersten Selbst-bedienungsläden und spätestens jetzt wurde das Kind-Regal zu einem Synonym in der Branche. Seit 1979 gehören auch Betriebseinrichtungen wie Aktenschränke und Spinde zum Sortiment. Aktuelle Themen sind Akustik - denn in einer ruhigen Umgebung kauft der Kunde lieber – und Komfort. Ein Arbeitsplatz soll sich dem Menschen anpassen und nicht umgekehrt.


[Die Schweißroboteranlage interessierte die Besucher besonders. ]

Von der Warenanlieferung, über die Schweißroboteranlage, Beschichtung und Endmontage bis zur Verpackung für den Versand bekamen die Besucher alle Bereiche der Produktion gezeigt. Besonders der Punktschweißroboter weckte das Interesse – auch bei Landrat Jochen Hagt, der sich einer Gruppe angeschlossen hatte. 330 verschiedene Schranktypen können die Roboterarme bearbeiten, 150 Schränke schaffen die beiden pro Schicht. Sie sind noch vergleichsweise neu im Unternehmen, Mitarbeiter aus Fleisch und Blut bleiben durchschnittlich 17 Jahre bei Otto Kind. 247 Menschen, davon elf Auszubildende, arbeiten dort aktuell und erwirtschaften jährlich 40 Millionen Euro Umsatz.


[Elektromobilität zum Anfassen: Bei der AggerEnergie durften die Besucher Probefahrten mit E-Bike und Co. unternehmen. Fragen beantwortete Mitarbeiter Felix Taufenbach (li.)]

Die AggerEnergie begrüßte ihre Besucher an der Staumauer in Gummersbach-Dümmlinghausen, wo sie von Geschäftsführer Uwe Töpfer in Empfang genommen wurden. Nach einem Rundgang durch die 35 Meter breite und 225 lange Staumauer, durch die der Aggerverband führte, ging es zum Wasserkraftwerk. 400 Meter Rohrleitung führen von der Staumauer zur Turbine des Kraftwerks, wo das schnell fließende Wasser den Generator nach dem Prinzip eines Dynamos antreibt. 7.000 Liter Wasser strömen pro Sekunde durch die Turbine, wodurch 2,5 Millionen Kilowattstunden Strom so pro Jahr erzeugt werden können – was dem Jahresverbrauch von etwa 715 Haushalten entspricht. Was sich mit diesem Strom anstellen lässt, erfuhren die Besucher an der Station „Elektromobilität“, wo sie E-Autos, E-Roller und E-Bikes Probe probefahren konnten. Informationen zum Angebot an WallBox-Ladestationen, die die AggerEnergie ebenfalls anbietet, gab es für die interessierten Besucher gleich dazu. Bei einer Live-Strommessung demonstrierte die AggerEnergie in Kooperation mit „Wir sind heller“ aus Bergneustadt, wie viel Licht eine LED-Lampe bei geringem Stromverbrauch gibt.


[In einer Energieumwandlungskette mit sechs Schritten sorgt das Kraftwerk dafür, dass aus Wasser Strom wird.]

Etwa 210.000 Kunden aus dem Oberbergischen Kreis und Overath versorgt das Gemeinschaftsstadtwerk der Kommunen mit Energie und Wasser. Dafür, dass beides auch sicher zu den Kunden gelangt, sorgen unter anderem die Anlagenmechaniker, die ihre Arbeit live demonstrierten. Durch die zuverlässige Verbindungstechnik des Stumpfschweißens mittels CNC gesteuerter Schweißmaschine halten die Rohre mindestens 80 Jahre und bis zu 16 Bar. Rund 150 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt die AggerEnergie, darunter 14 Auszubildende. Auch sie hatten gestern ihren Einsatz, so zeigten angehende Anlagenmechaniker (Einsatzgebiet Rohrsystemtechnik) ihre Prüfstücke und griffen den Facharbeiten bei ihren Demonstrationen unter die Arme. Über alle sechs Ausbildungsberufe der AggerEnergie sowie das Engagement des Unternehmens in der Region konnten sich die Gäste dann abschließend bei einem Imbiss informieren.

Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft von Landrat Jochen Hagt und wurde gemeinsam getragen von der Industrie- und Handelskammer zu Köln und deren Industrieakzeptanz-Offensive „InDUstrie“. Als Sponsoren unterstützten die zweite oberbergische LNDI die Volksbank Oberberg, die Wirtschaftsförderung Oberbergischer Kreis sowie der Campus Gummersbach der TH Köln, der ebenfalls eine eigene Führung über den Campus anbot (zum Bericht). „Die Lange Nacht der Industrie ist Signal und Botschaft des Industriestandorts Oberberg mit seinen weltweit erfolgreichen mittelständischen Familienunternehmen“, sagte Schirmherr Jochen Hagt: „Die Menschen waren bei den Betriebsbesuchen überrascht, wie viele Produkte aus Region sie selbst täglich nutzen - etwa in Autos, in der Haustechnik oder in Smartphones."

Teilnehmende Unternehmen:

A.S. Création Tapeten AG, Wiehl 2. ABUS Kransysteme GmbH, Gummersbach 3. AggerEnergie GmbH, Gummersbach 4. BPW Bergische Achsen KG, Wiehl 5. Gebrüder Ahle GmbH & Co. KG, Lindlar 6. Kampf Schneid- und Wickeltechnik GmbH & Co. KG, Wiehl 7. Klaus Kuhn Edelstahlgießerei GmbH, Radevormwald 8. Otto Kind GmbH & Co. KG, Gummersbach 9. Radium Lampenwerk GmbH, Wipperfürth 10. Schleuniger GmbH, Radevormwald 11. Schneider Electric GmbH, Wiehl 12. Technische Hochschule Köln, Campus Gummersbach