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Wir Ernüchterten

bv; 19. Jun 2018, 10:51 Uhr
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Wir Ernüchterten

bv; 19. Jun 2018, 10:51 Uhr
Oberberg - Und wieder redet unser 'Drickes' Klartext - Liebenswürdig, direkt und nachdenklich spießt er den Alltag auf - Heute geht es um das Thema 'Unzufriedenheit'.
Hallo bucklige oberbergische Welt! Länger nichts mehr voneinander gehört. Jetzt aber. Geht Ihnen das eigentlich auch so, dass man manchmal den Eindruck gewinnt, die ganze Welt sei irgendwie verrückt geworden. Die Meldungen, die einem täglich in die Gehirnwindungen gedrückt werden, legen das zumindest nahe. Die Trumpschen Irrungen und Wirrungen lasse ich mal weg, wir haben genug mit uns selbst zu tun. Der Chef eines Automobilherstellers, der das klimatisierte Fond seiner Dienstkarosse mit der miefigen Zelle eines Gefängnisses tauschen muss - hatten wir auch noch nicht. Ein Nachrichtendienst, der das nette Nachbarland Österreich ausspäht - geht's noch? Was wollten die deutschen Schlapphüte denn herausfinden? Das Geheimnis der Mozartkugeln? Oder die DNA des Wiener Schmäh?

Es passt zudem irgendwie in diese aufgeregte, zunehmend egoistische, von Ängsten bestimmte Zeit, dass sich gerade ein Teil der Bundesregierung zerlegt. Selbst Paartherapeuten dürften bei diesen Unions-Schwestern an ihre Grenzen stoßen. Und dass die deutschen Ball-Helden mit einer Taktik, die in ihrer Schlichtheit auch von mir stammen könnte, gegen die Übermannschaft Mexiko den Kürzeren gezogen haben, macht das derzeitige schwarz-rot-goldene Bild komplett. Es ist, als sei dieses Land wie gelähmt - die einen in den Köpfen, die anderen in den Beinen. Eine tiefe Ernüchterung hat uns in Beschlag genommen.


Was fehlt uns, der gemeinhin als höchst entwickeltem Lebewesen beschriebenen Spezies eigentlich, um das halbvolle Glas als Ansporn zu sehen, es weiter zu füllen, statt rum zu lamentieren? Warum sehen wir den Kompromiss immer häufiger als Schwester der Niederlage, statt den Sieg des Miteinanders zu feiern? Wir Deutschen sind höchst kompliziert und nie zufrieden. Wenn der schwarz-rot-goldene Musterschüler mal nur eine 3 schreibt, sind alle anderen schuld, erst wird gezetert, dann gezittert, ob die Versetzung nicht gefährdet ist.  

Ganz ehrlich, wir haben Probleme, die hätten andere gerne. Dabei sind wir selbst unser größtes Problem. Wir wollen immer Vorbild und die Besten sein, empfinden den Zweiten als ersten Verlierer. Sind ständig traurig, wenn sich die Dinge anders als erhofft entwickeln. Man würde sich mehr Gelassenheit und Gemütlichkeit wünschen. Vielleicht war es das ja, was die deutschen Nachrichtendienstler in der Alpenrepublik gesucht haben.

Herzlichst

Ihr Drickes

Bernd Vorländer