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Enthüllungen mit Kippbild-Charakter

us; 13. Apr 2019, 13:45 Uhr
Bilder: Ute Sommer --- Der Zyklus aus dem Tagebuch der Scarlett Schlötzmann bildete den Auftakt zu einem Abend voller (irr)relevanter Enthüllungen.
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Enthüllungen mit Kippbild-Charakter

us; 13. Apr 2019, 13:45 Uhr
Engelskirchen - Christine Prayon, bekannt aus der ZDF heute-show, gastierte gestern Abend im Ratssaal mit ihrem aktuellen Programm, in dem sie in zahlreiche skurrile Rollen schlüpfte.
Von Ute Sommer

Mit Allerwelts-Enthüllungen, auf die Deutschland mehr oder weniger gewartet hat, ließ es "Diplom-Animatöse" Christine Prayon, bekannt auch als Birte Schneider aus der ZDF heute-show, gestern im Engelskirchener Ratssaal so richtig krachen. Mit Erwerb der Eintrittskarte hatten die Zuschauer eigentlich die Solo-Kabarettistin Christine Prayon gebucht, doch wuppte diese in Begleitung ihrer zahlreichen Alter Egos, wie der alerten Scarlett Schlötzmann, der ach so französischen Italienerin Carla Bruni, dem heißblütigen Pizzeria-Macho oder dem Unterwäsche-Clown das "unterhaltsame Unterhaltungsprogramm".




[Ihre Wandlungsfähigkeit und multiplen Persönlichkeiten bewies Prayon im zweiten Teil des Programms.]   

Klar kommt die Parodiekünstlerin nicht unvorbereitet nach Engelskirchen, hat sich während der Anreise im Zug die Programmvariante "Wo ein Gag den nächsten jagt" vorgenommen, denn im Ort residieren bekanntermaßen die "Närrischen Oberberger". Zunächst bekommt das Publikum intime Einblicke ins Tagebuch der Scarlett Schlötzmann, die sich, von der Liebe enttäuscht, der Lyrik zuwendet. Im "Gedicht gegen Nichtskönner" stolpert sie wie von Sinnen durch Reime, Rhythmus und Versmaß und entlarvt so die Mittelmäßigkeit angeblicher Künstler. In der weiteren Autorenkarriere widmet sich Schlötzmann dem Genre Frecher Frauenroman, der in sinnfreiem Flachgepfeife die Beziehung der Freundinnen Conny, Lulu und Gitta beschreibt, deren Welt im Wesentlichen aus Shoppen, Intimwaxing und Apérol Spritz besteht.

Als das Script vom Verlag als zu wenig dem Zeitgeist entsprechend abgelehnt wird, legt Scarlett nach. Als ob sie nicht wüsste, dass Shoppen nur das englische Wort für Einkaufen ist und Intimwaxing eine mittelalterlicher Foltermethode. Sonnenklar, dass Sperma auch künstlich hergestellt werden kann, in der Regel von den Firmen, die auch Analogkäse produzieren. Aber Emanzipation ist so beliebt wie Unkraut in der Bundesgartenschau und Tripper im Vatikan. #Metoo-Debatte? Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen? Eigentlich durchdiskutiert, aber nach wie vor gesellschaftlich vorhanden, denn es geht um Macht in Händen der Männer. "Sexismus, Rassismus und Beschissmus gedeihen auf Unterdrückung".


["Männer sind primitiv aber glücklich“: Lesung aus dem Gedicht "Nussloch" von Mario Barth.] 

Nach der Pause betritt sie als Femme fatale die Bühne, um sich zu den Klängen von Sinatras "My Way" von Schminke, Perücke, falschem Brustpolster und Abendkleid zu befreien und einen Clown in Unterwäsche zum Vorschein kommen zu lassen. Nichts ist so wie es scheint, alles ist im ständigen Wandel begriffen. Dieser faszinierende Kippbild-Effekt zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend, bei dem nicht nur Prayon unverhofft zwischen sich selbst und ihren Charakteren wechselt, sondern auch die Topics zwischen schreiend komisch und ernsthaft changieren. Nach Genuss eines Sanddorn-Bonbons aus dem Publikum stirbt die Diplom-Animatöse den röchelnden Bühnentod. Im Stil einer Nachrichtensendung wird das Publikum darüber informiert, dass Prayon vorher schon eine multiple Persönlichkeit war und sich die berechtigte Frage stellt, wie viele Tote es nun eigentlich zu beklagen gibt?

Es folgen das Wetti von Morgi und Tschüssi. Knapp und präzise nimmt sie die Medienlandschaft und deren Sensationsberichterstattung auseinander, um danach im Dialog mit dem imaginären Dieter den rechnerischen Beweis für die tatsächliche Existenz deutschen Humors zu führen. Zwar ist der Anteil homöopathisch klein, aber immerhin. Bei der Persiflage ihres Lieblingsitalieners läuft Prayon zur Hochform auf, umwinselt die bella ragazza in Schnellfeuer-Parlando, mit jeder Menge Ti amo, Amalfi-Gelato und Grappa aufs Haus.

Zum Brüllen skurril auch die Imitation von Madame Carla Bruni, die das Nervengift Botox, im Falle eines Angriffs des Irans, direkt am Körper trägt. Wenn Prayon alias Bruni den Refrain ihres pseudo-französischen Chansons ins Mikrofon haucht, wimmert, flennt, seufzt und würgt ist dies nur einer von vielen Höhepunkten des unterhaltsamen Abends.