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Mit dem Rücken an der Wand

bv; 5. Dec 2018, 16:37 Uhr
Bilder: Bernd Vorländer.
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Mit dem Rücken an der Wand

bv; 5. Dec 2018, 16:37 Uhr
Oberberg – In der Region ist fast jeder achte Bürger überschuldet – Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung als Hauptgründe - Beratungsstellen verzeichnen immer mehr Hilfesuchende.
Von Bernd Vorländer

Es ist ein Thema, über das man nicht gerne spricht: Schulden. Während etwa Inkasso-Unternehmen davon leben, eben diese einzutreiben, scheut das Gros der Bürger in der Regel Verbindlichkeiten – sollte man meinen. Doch das Verhältnis zu Schulden hat sich geändert. Was früher verpönt war, weil man auf Wünsche oder Großanschaffungen sparte, ist heute nichts Ungewöhnliches. Ein neues Auto, weil der alte Wagen schlapp gemacht hat, der Hausbau oder weitere unaufschiebbare Dinge können meistens nicht aus Rücklagen bestritten werden. Alles kein Problem, solange die Verbindlichkeiten auf viele Jahre gestreckt werden und die Einnahmen weiter fließen.

Doch eine Überschuldung liegt näher, als gemeinhin angenommen wird. Krankheit, Arbeitsplatzverlust oder Trennung sind die drei häufigsten Ursachen dafür, dass Menschen in finanzielle Not geraten. Wie groß das Problem inzwischen auch in der Region ist, weiß der Fachdienstleiter Schuldnerberatung bei der Caritas, Michael Rogalski (Bild). Nach seinen Erkenntnissen übersteigen bei zwölf Prozent der rund 250.000 Oberberger die Ausgaben die Einnahmen. Eine erschreckende Zahl. Neben den genannten Gründen sind steigende Lebenshaltungskosten bei real sinkenden Haushaltseinkommen, fehlendes Konsum-Bewusstsein, indem immer mehr Einkäufe getätigt werden, ohne auf eine ausgeglichene Haushaltskasse zu achten, und der immens gestiegene Niedriglohnsektor als Ursachen für eine Überschuldung zu nennen.


Miet-Verpflichtungen nehmen einen immer größeren Anteil des Haushalt-Budgets in Anspruch, weil Sozial-Wohnungen fehlen, sind Menschen gezwungen, teurere Wohnungen in Anspruch nehmen, die nicht selten kaum bezahlbar sind. Und Michael Rogalski ist überzeugt, dass in den kommenden Jahren die Zahl derer, die sich Hilfe suchend an die Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Verbraucherzentralen wenden werden, noch erheblich steigen wird. Zwar sagen die Statistiken derzeit aus, dass Deutschland eine sehr hohe Beschäftigung hat, doch die Zahlen der Behörden sind nur ein Teil der Wahrheit. Fakt ist, dass es in Deutschland Millionen von Aufstockern gibt, die von ihrem Lohn nicht leben können und staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Wie ein Damoklesschwert hängt über diesen Menschen die Gefahr der Altersarmut. Mit Mini-Renten droht Vielen im Alter ein persönliches Debakel.

„Ich kann nur an die Menschen appellieren, frühzeitig den Weg zu einer Schuldnerberatung einzuschlagen, denn dann kann man das Äußerste noch verhindern“, sagt Rogalski. In Gesprächen mit den Betroffenen macht man zunächst eine Bestandsaufnahme von Einkommen und Verbindlichkeiten, erklärte Rechte und Pflichten und versucht gemeinsam einen Ausweg aus der Schuldenfalle zu finden. Bei drohendem Wohnungsverlust oder einer Energiesperre wird interveniert, es wird erklärt, wie man mit Mahn- oder Vollstreckungsbescheiden umzugehen hat, wie man mit Stundungen, Ratenzahlungen oder Vergleichen einer Verbraucherinsolvenz vorbeugt. Doch letzteres ist in vielen Fällen unumgänglich. Zwischen 80 und 90 Prozent der Klienten, die bei der Schuldnerberatung der Caritas vorsprechen, müssen am Ende diesen Weg gehen, wenn einem nämlich die Schulden über den Kopf wachsen und nicht absehbar ist, dass sich dieser Zustand ändert. Die vor fast 20 Jahren eingeführte Verbraucherinsolvenz soll mittels einer nach sechs Jahren erteilten Restschuldbefreiung Schuldnern eine zweite Chance geben. „Aber die Hemmschwelle ist immer noch groß, zu uns zu kommen“, sagt Michael Rogalski.

Vielfach kommt eine Überschuldung ohne eigenes Verschulden, manchmal wird sie leichtfertig hingenommen. Eigentlich müsste es der Gesellschaft wichtig sein, über Schuldenfallen aufzuklären. Dass hier nur wenig geschieht, ärgert Michael Rogalski. "In Großbritannien gibt es an den Schulen das Fach ‚Social and economic competence‘. Ich kann nicht verstehen, warum man bei uns nicht auch schon in der Jugend die wirtschaftlichen Kompetenzen fördert.“