Archiv

Die Tage in Ghana sind gezählt

ma; 22. Jul 2013, 16:19 Uhr
Bild: Marie Albrecht --- Marie hat versucht, ihr Jahr in Ghana in einem Bild zusammenzufassen. Ihre Begründung für dieses Bild: „Ein breiteres Grinsen konnte ich nicht finden!“
ARCHIV

Die Tage in Ghana sind gezählt

ma; 22. Jul 2013, 16:19 Uhr
Gummersbach - Die Gummersbacherin Marie Albrecht absolviert einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst an einer Schule in Ghana und schildert auf OA ihre Erlebnisse und Erfahrungen.
Liebe Leser,

ich kann es selbst kaum glauben, aber Ghana ist vorbei. Meine Tage hier sind gezählt und am kommenden Samstag werde ich wieder in den Flieger steigen, um mich auf den Rückweg zu machen. Dieser Artikel wird kaum Fotos mehr haben: Es gibt nichts mehr zu zeigen. Nach elf Monaten in Ghana ist nun Deutschland wieder an der Reihe und wie das aussieht, wissen Sie. Wie geht es mir damit? Das ist eine Frage, die ich nicht wirklich beantworten kann, aber der ich doch irgendwie näher kommen muss. Mittlerweile habe ich wohl sämtliche Phasen des Abschieds durchgemacht: Verdrängung, Panik, Wut, Trauer, aber auch Vorfreude auf Deutschland.

Als ich 2009 für ein halbes Jahr in den USA war, hatte ich dort eine wunderbare Zeit, aber ich fühlte mich nicht heimisch, auch heute würde ich niemals dort wohnen wollen. Nirgendwo kam ich mir so unglaublich Deutsch vor, wie damals als Schülerin in Arkansas. Ich war eine Deutsche auf Besuch. Aber was und wer bin ich nun in Ghana? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich bin weder Fisch noch Fleisch, hänge irgendwo in der Luft zwischen den beiden Ländern und fühle nicht mehr, wo ich eigentlich hingehöre.


Erst am vergangenen Wochenende fuhr ich mit einem ghanaischen Freund in die Volta-Region, um dort einen gemeinsamen Bekannten zu besuchen. Die Volta-Region ist Ewe-Gebiet und so wurde auch im Tro-Tro von den meisten Passagieren Ewe gesprochen. „Ich glaube wir sind die einzigen Fantes hier drin!“, meinte mein Freund. Ich musste lachen, war ich doch noch viel weniger Fante, als all die Ewes im Auto, die mit den Fantes wenigstens eine gemeinsame ghanaische Staatsbürgerschaft teilen können. Doch dann kam ich ins Grübeln: Bestimmt wirklich nur unser Geburtsort was und wer wir sind? Bin ich automatisch Deutsche, nur weil ich in Deutschland aufgewachsen bin? Fühle ich mich nicht auch in Ghana heimisch? Bezeichnet mich mein Freund vielleicht sogar als eine Fante, weil er mich mittlerweile irgendwie als eine sieht?

Auf dem letzten Seminar sprach ich mit zwei Frauen, die eine Art Werbefilm für den weltwärts-Freiwilligendienst drehen wollten und dafür einen Mitfreiwilligen aus Koforidua mit der Kamera begleiteten. Beim gemeinsamen Frühstück fragten sie auch mich, wie es mir in Ghana gefiele. Spontan antwortete ich, dass ich noch nie so glücklich gewesen wäre, wie hier und war im selben Moment überrascht über mich selbst. Stimmte das wirklich?

Bevor und auch während meines Freiwilligendienstes hörte ich aus Deutschland immer wieder dasselbe: „Also ich könnte das ja nicht!“, „Ich würde da ja nicht hinwollen!“, „Ich bewundere dich total dafür!“ - vor allem dann, wenn sich das Thema um die Strom- und Wasserversorgung oder sanitäre Einrichtungen drehte. Meine Meinung dazu: Wenn man will, kann man auch. Ganz einfach. Ob Ghanaer oder Deutsche, wir sind alle Menschen und wenn die einen damit leben können, dann können die anderen das auch. Alles eine Frage der Einstellung und Gewöhnung.

Komfort ist ein Luxus, den man genießen kann, aber er definiert nicht unser Lebensglück. Ich denke, dass sobald gewisse Lebensbedingungen erfüllt sind, die ein Leben in Würde ermöglichen (und die Erhöhung der Anzahl solcher Leben sollte unser aller gemeinsames Ziel und Interesse sein), es allein an uns liegt, ob wir glücklich sind oder nicht: Entgegen des in Deutschland weitverbreiteten Glaubens, ist nicht jeder in Ghana „arm“ und erst recht nicht bemitleidenswert. Ich habe auch hier reiche Menschen kennengelernt, die sich über ihr hartes beschwert haben. Sie haben in den Fernseher geschaut, mit all seinen amerikanischen und europäischen Sendungen und für sich beschlossen, dass ihr Leben nur gelungen wäre, wenn es so ähnlich aussähe. Sie haben angefangen auf ihr Land zu schimpfen und alles zu glorifizieren, was irgendwie westlich, amerikanisch, oder „weiߓ ist. Doch mit dem materiellen Glück ist das eben so eine Sache: Es wird nie erreicht. Es gibt immer irgendwo auf dieser Welt jemanden, der noch zahlreichere und schönere Dinge hat.

Im Gegensatz dazu habe ich andere Menschen kennengelernt, die mit den eigenen Lebensbedingungen durchaus zufrieden waren: „Oh why would I need more? I am very happy“, sagte einmal ein Freund zu mir. Und ich? Ich habe hier in Ghana gelernt, einfach mal loszulassen. „Money can't buy you happiness!“, heißt es so schön und so kann das auch keine zuverlässig funktionierende Strom- oder Wasserleitung. Ein seelisches Gleichgewicht kann das hingegen durchaus. Meine schönsten Momente in Ghana waren wohl die, in denen ich nichts Besonderes tat: im Tro-Tro sitzen und aus dem Fenster gucken, draußen stehen und kochen, das aufgeschlagene Knie eines Schülers verarzten.

Ich denke ich war so glücklich, weil ich in diesen Momenten einfach mal nicht nachgedacht habe. In Deutschland fiel mir das sehr schwer: Ständig wollte ich produktiv sein, möglichst viel schaffen, machen, erledigen, mich ständig verbessern und dabei auch noch gut aussehen. Die Gesellschaft, aber vor allem ich selber, habe mich unter Druck gesetzt. Ständig war ich gestresst. In Ghana kam ich damit nicht weit. Der Strom kommt nicht wieder, weil man sich über ihn ärgert, das Tro-Tro wird nicht schneller voll, nur weil du es eilig hast und die Männer finden dich nicht weniger hübsch, nur weil du gestern zu viel Fufu gegessen hast. Nur selten läuft etwas wirklich nach Plan, aber das ist auch okay so. Ich war gezwungen, einfach mal loszulassen, Dinge als gegeben zu akzeptieren und mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich bin zwangsweise flexibel geworden und habe erst dann gemerkt, wie gut es mir eigentlich getan hat.

Ja, ich war noch nie so glücklich wie hier in Ghana. Aber das liegt nicht nur an Ghana selbst, sondern viel mehr an dem, was es mir beigebracht hat. In meiner Reflexion zur Halbzeit habe ich gesagt, dass ich hier ein kleines Stück von mir selber aufgegeben habe, aber dafür ein viel größeres Stück Ghana dazugewonnen habe, welches ich in meinem Herzen aufbewahren und mit zurück nach Deutschland nehmen werde. Dieses Stück Ghana ist in den letzten Monaten noch viel größer geworden und wird mich wohl mein Leben lang begleiten. Ich habe mich verändert, bin an allen Problemen und Erfahrungen gewachsen und habe so viel gelernt, dass ich gar nicht erst mit der Aufzählung beginnen möchte: Es würde ja doch kein Ende finden.

Ich möchte meine Gastfamilie, meine Freunde, Schüler und Kollegen nicht verlassen, möchte am liebsten noch viel mehr Zeit verbringen, mit all diesen Menschen, die mir so viel gegeben haben, und noch so viel mehr lernen. Aber es ist nun einmal an der Zeit zu gehen und auch wenn der Abschied schmerzt, so ist die Trennung doch nur eine räumliche: Das, was wir alle voneinander gelernt haben, wird bleiben. Mein guter Freund John meinte gestern zu mir: „I am not happy you are going. But the day you come back...ey! It will be so nice!“ Und so versuche auch ich momentan alles positiv zu sehen, selbst wenn mir beim Gedanken an den 27. Juli ganz eng ums Herz wird.

Voltaire sagte einmal: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ Denn wahrscheinlich ist Glück wirklich Einstellungssache! Wir können uns über das freuen was wir haben, schon geschafft haben und was kommen wird, oder aber wir schauen immer auf das, was wir gerne hätten, aber nicht haben können oder noch machen müssen. Ich möchte momentan nicht wirklich zurückkehren. Aber es gibt nun einmal für alles eine Zeit und wenn für mich jetzt die Zeit gekommen ist, nach Deutschland zurückzukehren, dann beschließe ich eben, auch in Deutschland glücklich zu sein.

Wenn ich an all das leckere Essen, die wechselnden Jahreszeiten, ein bestimmt sehr interessantes Studium und ein paar mir sehr liebe Menschen dort denke, dann wird das vielleicht auch gar nicht so schwer.

Wir sehen uns ganz bald wieder,

Ihre Marie Albrecht