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"Man braucht Weihnachten viel weniger, als man denkt"

mm; 22. Dec 2017, 18:15 Uhr
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"Man braucht Weihnachten viel weniger, als man denkt"

mm; 22. Dec 2017, 18:15 Uhr
Engelskirchen - OA im weihnachtlichen Interview mit Dr. Gero Karthaus, dem ersten Bürger der Gemeinde, in der das Christkind zuhause ist: Engelskirchen.
Von Michael Moll

OA: Bei Engelskirchen denkt man automatisch an Weihnachten und Engel. Und das Christkind hat jetzt wohl rund um die Uhr zu tun?

Karthaus: Das stimmt. Seit dem Jahr 1985 hat die Deutsche Post in unserer Gemeinde eine himmlische Christkind-Postfiliale eingerichtet. Das Schöne daran ist, wir brauchen nicht mehr zu sagen, dass wir in der Nähe von Köln beheimatet sind.  Engelskirchen wird weltweit sofort mit dem Christkind verbunden.

OA: Das könnte man auch dementsprechend vermarkten?

Karthaus: Ja, das passiert auch bei uns. Wir haben unseren "Engel", den man mannigfach in der Gemeinde bewundern kann, weltweit patentieren lassen und mit dem Engelverein und dem dazugehörenden Museum ziehen wir die Leute aus Nah und Fern in unsere schöne Gemeinde.

OA: Traditionen sind in vielen Bereichen wichtig. Welche Tradition gibt es bei Ihnen an Weihnachten?

Karthaus: Für mich ist das Weihnachtsfest ein Familienfest. Das heißt, alle kommen zusammen und feiern zusammen. Ich habe durch meinen Vater eine enge Bindung zur evangelischen Gemeinde in Ründeroth und bin früher mit ihm in die Christmesse gegangen. In Engelskirchen gibt es eine seltene Tradition, die dazu sehr schweißtreibend ist. Eine kleine Gruppe von Männern steigt Weihnachten und auch Ostern in den Glockenturm und bringt dort ein Holzgeschirr an, um die Glocke festlicher zu läuten, das sogenannte Beiern. Weihnachten ist im Übrigen ein Fest der Besinnung auf das Wesentliche. Man braucht meistens viel weniger, als man denkt. Aber die Familie ist ein Ruhepol und mit ihr sollte man Weihnachten feiern.

OA: Wenn Sie an Ihre Kindheit denken: Was hat sich an Weihnachten über die Jahre bis heute geändert?

Karthaus: Ich erinnere mich gut daran, wie aufgeregt und freudiger Erwartung ich war, wenn das Wohnzimmer am Heiligen Abend abgeschlossen wurde und wir erst hinein durften, wenn das Glöckchen klingelte. Ebenfalls ist mir das Essen in besonderer Erinnerung. Da war das Schnitzel mit Champignons eine ganz besondere Sache. Ich glaube, dass solche Empfindungen heute nicht mehr unbedingt die Regel sind. Da ist heute vieles ganz selbstverständlich.

OA: In vielen Geschäften beginnt Weihnachten ja direkt nach den Sommerferien. Was halten Sie davon?
Karthaus: Der Verkaufsbeginn von Weihnachtssachen schon direkt nach der Sommerpause ist völlig unpassend und grotesk. Wir sollten das nicht mitmachen und diese Dinge erst ab November kaufen.

OA: Ist Weihnachten noch das Fest der Freude und Liebe oder mischt sich der Konsum immer mehr mit hinein?

Karthaus: Weihnachten ist schon noch das Fest der Liebe und - nicht zu vergessen - der Verheißung. Aber es ist eben auch ein gigantisches Marketingfest. Nicht umsonst werden die Umsätze mit denen der Vorjahre verglichen und abgefragt, ob der Einzelhandel „zufrieden“ ist. Wir bewegen uns weiter und zunehmend weg von der christlichen Kernbedeutung.

OA:  Kennen Sie die Weihnachtsbräuche andere Länder?

Karthaus:  Ich kenne einige der skandinavischen Bräuche, bei denen natürlich auch der lange, dunkle Winter eine besondere Bedeutung hat.  Es ist interessant zu sehen, wie die regionalen und örtlichen Bedingungen die Weihnachtsabläufe beeinflussen.