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Heuschrecke gesucht - "Die Grönholm-Methode" feiert Premiere in Waldbröl

cn; 17. Mar 2008, 00:00 Uhr
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Heuschrecke gesucht - "Die Grönholm-Methode" feiert Premiere in Waldbröl

cn; 17. Mar 2008, 00:00 Uhr
(cn/2.3.2008-07:00) Von Christian Neeb
Waldbröl - Gestern Abend feierte mit der Satire "Die Grönholm-Methode" von Jordi Galceran ein bissiges Stück Theater Premiere im WKT des Waldbröler Kulturtreffs.
[Bilder: Christian Neeb - "Die Grönholm-Methode" treibt die Kandidaten zum Äußersten]

Die Inszenierung Thorsten Kuchinkes weiß von Beginn an mit ihrer brandaktuellen Thematik zu fesseln. In den Zeiten der Zumwinkels und Ackermanns schicken sich vier Bewerber an, einen aussichtsreichen Managerposten in der spanischen Zweigstelle des (natürlich frei erfundenen) schwedischen Möbelriesen DEKIA anzutreten. In einem schlichten Konferenzsaal an dessen Wand ein Porträt des Firmengründers über dem gelb-blauen Firmenlogo prangt, sollen die vier Kandidaten in einem gemeinsamen Bewerbungsgespräch ihre besondere Eignung für den Job unter Beweis stellen.

[Fernando Porta zweifelt mit zunehmender Dauer des Versuches an der Zurechnungsfähigkeit der Personalabteilung]

Was dann folgt ist Kapitaldarwinismus pur. Durch eine Klappe in der Wand, die mit einem durchdringend elektrischen Wimmern öffnet, bekommen die vier Probanden Fernando Porta (Ralf Tenbrake), Enrique Font (Mario Engelhardt), Mercedes Degás (Mariella Tüttemann) und Carlos Bueno (Kaspar Zekorn) immer neue Aufgabenstellungen zur Bewältigung vorgelegt. In diesem Assessment-Center, wird nach der Titelgebenden „Grönholm-Methode“ nach und nach das Innerste der Kandidaten bloßgelegt. Wer den Raum verlässt, hat seine Chancen auf die Traumstelle verspielt. Die Aufgaben werden mit der Zeit immer skurriler und reichen von theoretischen Entlassungsgesprächen, über vermeintlich komische Hutparaden bis zur Enthüllung intimster Geheimnisse.

Der eine treibt sich nach der Scheidung in Internetchats herum, der nächste steht kurz vor der Geschlechtsumwandlung und die Mutter der weiblichen Bewerberin stirbt während der Bewerbungsprozedur. Schnell fallen jegliche Hemmungen, sich der Mitbewerber mit hinterhältigsten Methoden zu entledigen und bis zum überraschenden Finale zieht das Stück die Zuschauer mit einigen 180-Grad-Wendungen der Story in seinen Bann.

[Porta treibt seine Mitbewerber scheinbar bis zum Rande des Nervenzusammenbruchs]

„Die Grönholm-Methode“ pendelt dabei zwischen abstruser Situationskomik, ironischer Realsatire und bitterem Kommentar zu aktuellsten Missständen in der Wirtschaftswelt. Besonders die, laut Regisseur Kuchinke „dichte Inszenierung“, trägt ihren Teil zur Wirkungsweise des Stückes bei. Die Handlung wird von der Bühne ins Publikum verlagert, das im Halbkreis um die Akteure positioniert wurde. So nahe am Zuschauer wirkt der schnelle Wechsel zwischen sarkastischem Witz und beklemmendem Realismus noch unvermittelter und direkter. Kleine, aber feine Details wie die IKEA-Möblierung, der Financial-Times-Titel „Das Soziale“ oder das Firmengründerporträt im Hintergrund verleihen dem Stück den letzten Schliff, das ansonsten von der hervorragenden Leistung des vierköpfigen Ensembles lebt.

Besonders Ralf Tenbrake stellt, nach seinem Auftritt als Tschaikowsky, mit der Verkörperung des skrupellosen und doch tragischen Fernando Porta, seine Wandlungsfähigkeit und sein schauspielerisches Talent unter Beweis. Seine ätzenden Wortgefechte mit Mario Engelhardt und das beinahe unerträgliche Psycho-Duell mit Mariella Tüttemann zum Ende des Bewerbungsmartyriums fesseln und sorgen dafür, dass Kuchinke nach „Tschaikowsky Verhör vor der Ochrana“ einmal mehr ein hochaktuelles und mitreißendes Drama gelingt, dass an finsteren Untertönen nicht spart, diese jedoch mit einer Portion schwärzestem Humor garniert. „Machst du morgen die Nummer mit dem behinderten Kind?“, „Nein, da ist der epileptische Anfall dran.“