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Premierenfieber: Iphigenie auf Thauris mit Sabine Krieg in Heins Inszenierung am WKTheater

age; 17. Mar 2005, 06:22 Uhr
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Premierenfieber: Iphigenie auf Thauris mit Sabine Krieg in Heins Inszenierung am WKTheater

age; 17. Mar 2005, 06:22 Uhr
(age/10.3.2005-12:35) Waldbröl - Das Theater im Waldbröler Kulturtreff feiert am kommenden Samstag Premiere: Zu sehen gibt es "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goehte als diesjährige Hauptproduktion des WKTheaters.
[Bilder: Eberhard Emmerich.]

IPHIGENIENS FLUCH UND RETTUNG - EINE UTOPIE!?!? [Ulrich E. Hein]

Wenn Iphigenie im vierten Aufzug mit den Worten zu verzweifeln droht "Oh trüg' ich doch ein männlich Herz in mir! Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt, vor jeder andern Stimme sich verschließt!", dann wird darin häufig das Programm des zu Grunde liegenden Konfliktes für dieses Drama gesehen zwischen weiblicher Intuition und humanem Gedanken einerseits und dem entschlossenen Kämpfen Wollen zum Beispiel eines Pylades.

Aber so wie die Reduktion des Dramas auf den Gegensatz zwischen fatalistischem Göttergehorsam und Schicksalsergebenheit des Orest einerseits und dem aufgeklärten und die menschliche Dimension einbeziehenden Gottesbegriff der Iphigenie andererseits dem Drama nicht gerecht wird, so kann es auch nicht um einen einfachen Männlich-Weiblich-Kontrast gehen.

Goethes Drama ist eine (heute erst recht wieder?) hochaktuelle Utopie, die der unmenschlichen weltweiten Metzelei und Kriegsführung und den diplomatischen Winkelzügen national-egoistischer Weltmachtansprüche die Fähigkeit des menschlichen Mitleidens und scheinbar naiven Bittens entgegensetzt.

Iphigenie ist in ihrem Tun naiv und immer wieder neu unentschlossen. Das Einzige, das sie treibt, ist die strikte Ablehnung von weiterem Blutvergießen. Sie ist nicht etwa die Hehre, Edle, die oft als Inbegriff des human aufgeklärten Ideals gesehen wird. So wenig wie Thoas nur der gekränkte Menschenopfer fordernde Despot ist. In der konkreten Auseinandersetzung zwischen ihnen aber ergibt sich ein Hoffnungsschimmer für die Menschheit: Nicht Schicksal oder politische Zwänge, nicht ehernes Gesetz oder die scheinbaren Gesetzmäßigkeiten von "männlich" und "weiblich" bringen eine bessere Welt sondern die je aktuelle unverstellte Begegnung von zwei Menschen, die sich trauen mit dem Gegenüber mitzuleiden.

Eine Utopie, - ja! Aber die Menschheit braucht sie, damit Thoas' letzte Worte in ihrer Doppeldeutigkeit Wirklichkeit werden können: "Lebet wohl!".

Zum Inszenierungs-Konzept:

Nicht als antikes oder gar antikisierendes Theaterstück setzt diese Inszenierung Goethes Drama um, sondern als zeitlose Utopie, die Impulse und Anregungen geben will für ein mögliches friedliches Miteinander der Menschheit. Das ursprünglich als Lese-Drama gedachte Werk Goethes, von ihm selber immer wieder verändert und überarbeitet, wendet sich ja auch nicht als Selbstzweck der griechischen Mythologie zu.

Vielmehr bot sich Goethe im klassischen Tragödien-Konflikt zwischen Götterwillkür und menschlich freiem Willen die beste Grundlage um menschliches Verhalten auf der Grundlage humanen und christlichen
Gedankengutes zu beschreiben und zu entwickeln. Nicht das Unterworfensein unter den Götterwillen macht den freien und friedlichen Menschen aus sondern die Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten, mit seinen Abgründen und Höhenflügen.

Dazu kann dann auch die bewusste Entscheidung zu einem Gott gehören, ebenso wie das willentliche Ausblenden dieser Dimension. Aber immer geht es darum, in einem konkreten Konflikt das menschliche Antlitz seines Gegenübers anzunehmen und gegebenenfalls das Göttlichste im menschlichen Wesens auszuspielen, was es gibt: Das Mitleiden mit dem Leid und den Konflikten Anderer.

Nur wer so mitleiden kann, ist auch zur wahren Liebe fähig. Und darin liegt das Utopische, das seit Menschenzeiten immer wieder verlacht wird aber darum umso dringlicher gebraucht wird. Diese Inszenierung hält sich streng an die jambische Versform des Dramas, Goethes letzter Bearbeitung des Werkes. Ausstattung, Kostüme, Licht und Musik aber wollen den surrealen Charakter des Stückes als Utopie betonen. "Surreal" sozusagen als "über der Realität" stehend, wie es eine Utopie nun einmal ist.

Keine museale Aufführung eines "deutschen Klassikers" im Gestus "hochtrabender" Sprache und endgültig ins Lächerliche gezogen durch griechisch anmutende Gewandungen, sondern ein Denkanstoß für unser aktuelles Leben, der zumindest zu Herzen gehen kann und vielleicht auch im Kopf für die Realität zu Konsequenzen führen kann. Lasst uns einfach an die Tragfähigkeit von Utopien glauben!

Die Premiere steht am kommenden Samstag ab 20 Uhr bevor. Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, 17 Uhr, und am Dienstag, 20 Uhr. Alle Aufführungen finden in der Aula des Hollenberg - Gymnasiums zu Waldbröl statt.

Ausführende:

- Iphigenie: Sabine Krieg
- Thoas: Ralf Tenbrake
- Orest: Thorsten Kuchinke
- Pylades: Vera Bray
- Arkas: Dominik Greb
- Gesang: Anne Jurzok
- Percussion: Tim Engelberth
- Inszenierung und Ausstattung: Ulrich E. Hein