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Babcock: "Plattmachen wird es nicht geben" - Aber 187 müssen gehen

om; 5. Sep 2002, 00:32 Uhr
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Babcock: "Plattmachen wird es nicht geben" - Aber 187 müssen gehen

om; 5. Sep 2002, 00:32 Uhr
(om/4.9.2002-19:15) Von Oliver Mengedoht
Gummersbach - Dass 187 Arbeiter bei Babcock gehen müssen, bedauerten Vorstandsvorsitzender Horst Piepenburg und Insolvenzverwalter Dr. Helmut schmitz, aber dass 370 Arbeitsplätze zunächst erhalten bleiben, werteten sie als eindeutigen Erfolg.

[Bilder: Oliver Mengedoht --- Nach der Betriebsversammlung ging es heute für einige Beschäftigte zum letzten Mal durchs Werkstor - sie mussten sich sogleich ihre Kündigungen abholen.]



Und die 187 Gekündigten stehen wenigstens nicht sofort gänzlich mittellos da, ihnen wurde angeboten, dass sie sich in einer GeBeWe-Beschäftigungsgesellschaft ein halbes Jahr lang - Mitarbeiter über 50 neun Monate lang - weiterqualifizieren können, betonten der neue Vorstandsvorsitzende der Babcock Borsig AG Oberhausen und der Krefelder Insolvenzverwalter Dr. Schmitz. Die beiden waren heute Nachmittag in die Kreisstadt gekommen, um die Mitarbeiter der Babcock Borsig Power Environment (BBPE) und der Babcock Kommunalgesellschaft für kommunale Dienste (BKU bzw. "Babcock Service") bei einer Betriebsversammlung darüber zu informieren, wie es nach der Insolvenz nun weitergeht.

[Babcock-Chef Piepenburg (r.) und Insolvenzverwalter Schmitz waren heute nach Gummersbach gekommen, um die Belegschaft zu informieren.]



Dabei gab es gute und schlechte Nachrichten zu verkünden. "Wir haben eben der Belegschaft die Mitteilung gemacht, dass bei der BBPE 143 Kündigungen und Friestellungen und bei Babcock Service 44 sofort ausgesprochen werden", berichtete Schmitz in einer Pressekonferenz nach der Betriebsversammlung. "Die Stimmung war natürlich sehr gespannt", erklärte Piepenburg. "Aber nicht gereizt, die Mitarbeiter haben es sehr gefasst aufgenommen. Aber es ist eine sehr drückende Stimmung, wenn man in einer fast leeren Montagehalle steht und solche Nachrichten überbringen muss."



Immerhin, so der Babcock-Chef, sei es möglich, allen 143 Gekündigten von BBPE das Angebot zu machen, direkt in die GeBeWe zu wechseln, um sich weiter zu qualifizieren, damit die Vermittlung in neue Arbeitsstellen einfacher wird. Auch für 38 Mitarbeiter der BKU gelte dies - die sechs übrigen würden bis Jahresende weiterbeschäftigt. "Das ist nur hier mögich, weil es eine ausreichende Vermögensmasse gibt", machte Insolvenzverwalter Schmitz deutlich. Das sei "zumindest eine kleine Besserstellung als an anderen Standorten".

[BBPE-Geschäftsführer Premel arbeitet jetzt auch wieder für die niederländische Babcock-Tochter NEM.]



An Abfindung stünden den 187 sofort Gekündigten generell 2,5 Bruttogehälter zu, erläuterte Piepenburg. Doch erstens sei diese Zahl noch keineswegs sicher, denn sie müsse aus der Insolvenzmasse gtragen werden, und außerdem könne es mit der Auszahlung im schlechtesten Fall bis zum Ende des am Sonntag eröffneten Insolvenzverfahrens dauern - bis zu sieben Jahren. "Ich hoffe, dass es wenigstens Abschlagszahlungen geben wird."

[Premel (v.l.n.r.), Piepenburg und Schmitz erklärten auf der Pressekonferenz, wie es in Gummersbach weitergeht.]



Als gute Nachricht sahen Piepenburg und Schmitz an, dass 240 Arbeitsplätze bei der BBPE erhalten bleiben und 130 im Service-Bereich. "Zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags am 11. Juli sahen wir es so, dass eigentlich alle Arbeitsplätze weg waren. Der überwiegende Teil bleibt nun erhalten - das ist auch ein Erfolg." Diese bleibenden Arbeitnehmer erhalten ab sofort wieder ihr normales Gehalt von Babcock und kein Insolvenzgeld mehr.



Perspektive unklar - aber gute Auftragslage

[Piepenburg versprach, dass es keine "Plattmachergeschichte" geben werde.]



Wie die Perspektive für diese beiden Gesellschaften des Babcock-Konzerns aussieht, dazu konnte aber auch der neue Vorstandschef noch nichts Definitives sagen. "Wir haben einen hohen Auftragsbestand und eine gute Beschäftigungslage für die verbleibenden Mitarbeiter." Auch der BBPE-Geschäftsführer Ulrich Premel konnte nicht mehr Licht ins Dunkel bringen. Es sei entschieden worden, "parallel zu fahren"; einerseits mit der Auffanggesellschaft und zum anderen, indem man für mögliche Kaufinteressenten ein Infopaket zusammengeschnürt habe, in dem eine Markterweiterung und eine Umsatzerwartung für die nächsten fünf Jahre mit einem etwas kleineren Standort Gummersbach enthalten sei. "Wir haben zunächst um unverbindliche Angebote gebeten, damit Insolvenzverwaltung und Babcock AG prüfen können, ob es einen Sinn hat, weiterzumachen. "Eine Plattmachgeschichte wird es hier nicht geben", versprach Piepenburg.



Durch die Eigenverwaltung seien die beiden Gummersbacher Gesellschaften freier als sonst in einer Insolvenz. Erfreuliche Antworten gebe es von vielen Kunden, berichtete Premel. Wenn es eine neue Gesellschaft gebe, hätten zwei Kunden bereits zugesagt, Verhandlungen über den Bau von zwei Müllverbrennungsanlagen in Holland wieder aufzunehmen.

[Betriebsrat Lange: "Eine beschissene Lage, aber jeder der nicht gehen muss, ist ein kleiner Erfolg".]



Der derzeitige Geschäftsführer Premel werde die Restabwicklung von BBPE in Gummersbach begleiten, gab aber auch an, dass er ab sofort im holländischen Leyden wieder als Geschäftsführer der Babcock-Tochter NEM tätig werde. Diese hatte er bereits zuvor geführt und innerhalb von acht Jahren den Umsatz auf das Zehnfache gesteigert.



Betriebsratsvorsitzender Gerd Lange war natürlich nicht glücklich mit den Ergebnissen, "aber jeder weniger auf der Liste, die gehen müssen, ist ein kleiner Erfolg". Er könne die ganze Entwicklung seit 1999 nichtgutheißen. Lange ist seit 1978 im Unternehmen, seit '84 im Betriebsrat, dessen Vorsitzender er nun seit 1992 ist. "Für mich ist das beschissen, dauernd 100 oder 200 Menschen zu verabschieden, ich kann leider nicht die Erfolge vorweisen wie die alten Betriebsräte." Aber wo man zunächst davon ausgegangen sei, dass die Hälfte bei BBPE gehen müsse - etwa 250 Beschäftigte -, seien es nun nur noch 143.



"Jetzt", blickte Lange voraus, "geht es darum, dass der Abbau hier keine neuen Katastrophen verursacht. Dass wir uns schnell neu organisieren und die Gläubiger bedienen und dann sehen, wo wir bleiben."



Standort Gummersbach langfristig erhalten



Ein erneutes Abwandern von qualifiziertem Personal in großen Zahlen hält Premel für unmöglich. "Es ist im Konzern bekannt: Wenn wir die Produktion weiter anbieten wollen, geht das nur mit dem großen Know-How hier am Standort Gummersbach." Die Marktentwicklung werde positiv gesehen, im Umweltbereich noch stärker als in der Unternehmenssparte Energie.

[Insolvenzverwalter Schmitz empfindet sein Mandat als drückend, "aber man muss raus und Klartext reden".]



Es sei ein bedrückendes Mandat, was sie übernommen hätten, waren sich Piepenburg und Schmitz einig. "Aber man muss zu den Standorten gehen und Klartext reden." Die in der Presse in den letzten Tagen und Wochen veröffentlichten Zahlen der Entlassungen seien nie von Babcock autorisiert worden. Die daraus resultierende Unsicherheit bei den Beschäftigten sei sicher das "unerträglichste" gewesen. Das Konzept der Auffanggeselllschaft sehe eindeutig vor, den Standort Gummersbach langfristig zu erhalten.



Insgesamt müssen beim Babcock-Konzern 815 Menschen gehen



Insgesamt hat die Babcock Borsig AG auf den Betriebsversammlungen gestern in Oberhausen und heute in Gummersbach die Entlassung von 623 Menschen in den 22 Gesellschaften verkündet, bis Jahresende "ist mit weiteren knapp 200 zu rechnen" - insgesamt also 815. Direkt arbeitslos werden 235 Beschäftigte - für sie hat die Landesregierung eine Arbeitsmarkt-Agentur eingerichtet und das Arbeitsamt Oberhausen auf dem Betriebsgelände unbürokratisch eine Außenstelle eingerichtet.



388 Mitarbeitern wird der Eintritt in die GeBeWe Standardkessel Transfergesellschaft angeboten, die durch eine konzertierte Aktion des Insolvenzverwalters Schmitz und der Task-Force der Landesregierung NRW mit der Unterstützung des Landes Niedersachsen und des Vorstands von Babcock gerettet werden.



Keine Rechtssicherheit gibt es derzeit für die 430 Mitarbeiter der Babcock-Tochter Balcke Dürr Service GmbH in Ratingen. "Der vom Insolvenzverwalter angebotene Interessenausgleich und Sozialplan, der die von den Betriebsräten aller anderen Gesellschaften geforderten Bedingungen enthielt, wurde vom Balcke-Betriebsrat abgelehnt."