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Wieder eine gelungene Inszenierung des WKTheaters

vma; 26. Jan 2002, 04:34 Uhr
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Wieder eine gelungene Inszenierung des WKTheaters

vma; 26. Jan 2002, 04:34 Uhr
(vma/31.8.2001-18:40) Von Vera Marzinski
Waldbröl – Eine frisch, frivole Aufarbeitung von Arthur Schnitzlers Skandalstück "Der Reigen" mit einem Augenzwinkern von Ulrich E. Hein inszeniert ist in der Aula des Hollenberggymnasiums zu sehen.

[Bilder: Oliver Mengedoht --- Tänzerisch zu "Valse triste" vollzieht sich der Szenenwechsel - fast wie im Reigen wechseln die Stellwände den Platz.]



Premiere ist am Samstag, 1. September, um 20 Uhr und die weiteren Vorstellungen am Sonntag, 2. September, sowie Dienstag, 4. September, und Mittwoch, 5. September, beginnen um die gleiche Zeit, die Abendkasse ist ab 19 Uhr geöffnet. Das Ensemble des WKTheaters hat wieder einmal ein Stück auf die Beine gestellt, mit dem es die Zuschauer begeistern und auch zum Nachdenken bringt.



In einem Zyklus von zehn Einaktern hat Schnitzler seinen Reigen konstruiert. Dieser führt durch alle sozialen Schichten der Gesellschaft mit repräsentative Vertretern der jeweiligen Schicht, was sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihrer Sprache deutlich wird. Die in sich geschlossenen Episoden sind dadurch verknüpft, dass jeweils einer der beiden Akteure im nächsten Akt auf einen neuen Partner trifft, bis sich der amouröse Kreis wieder schließt.

[Der Soldat (Ralf Tenbrake) begutachtet, was ihm von der Dirne (Sabine Krieg) geboten wird.]



Die Reihenfolge der Szenen folgt den sozialen Möglichkeiten folgt, über welche die Figuren verfügen, so wären die junge Frau und der Soldat eine unmögliche Konstellation. Der Graf ist die einzige Ausnahme; er verkehrt ganz natürlich sowohl mit der Schauspielerin als auch mit der Dirne. Das um sein Prestige besorgte Bürgertum beschränkt sich auf das süße Mädel und das Stubenmädchen.



Da trifft die Dirne (Sabine Krieg) auf den Soldaten (Ralf Tenbrake) und bietet sich ihm umsonst an: "Geld bekomm' ich von den Zivilisten". In der nächsten Szene verführt er das Stubenmädel (Vera Bray) am Rande eines Volksfestes und lässt sie dann stehen. Auch der junge Herr (Thorsten Kuchinke) – erregt durch die Lektüre eines speziellen Magazins – nutzt die Naivität des Stubenmädchens aus. So muss er in der nächsten Szene doch ein weitaus aufwendigeres Verführungsszenario für die junge Frau (Kristina Barth). Provokant ist diese Szene, da der junge Herr sexuell versagt - dieses Thema war im ausgehenden 19. Jahrhundert, als Schnitzler das Stück schrieb, absolut tabuisiert.



[Immer wieder geht es in den Szenen um Verführung, Heuchelei und Eifersucht.]



Nur einmal wird der legitime eheliche Geschlechtsakt vollzogen – in der fünfte Szene, sozusagen im Zentrum des Reigens zwischen den sich gegenseitig betrügenden Ehegatten (Kristina Barth und Ralf Tenbrake). Der Mann betont sein Anrecht auf Abenteuer und sexuelle Erfahrungen, die Frau muss auf ihre sexuelle Selbstverwirklichung verzichten. Hätte er sich in der Ehe seiner wilden Leidenschaft hingegeben, wären sie fertig miteinander, wie so viele – weiß der Ehemann. Dadurch, dass die Ehebruchszene der Frau der ehelichen Gesprächsszene vorausgeht, wirkt der Mann sehr lächerlich.



Lächerlich wirkt der Ehemann auch, als er im "Chambre separee" das süße Mädel verführen will, die er anschließend erniedrigt, als sie wissen will "Hast mich wirklich gern?". Der Dichter (Oliver Hombach) hat das süße Mädchen so gerne, weil sie so dumm ist – "Göttlich diese Dummheit!". Doch sie gackert wie ein dummes Huhn, was abrupt endet, als er ihr ein "Adieu" zuruft. Doch auch der Dichter muss erfahren, wie es ist, wenn mit seinen, sicherlich geheuchelten Gefühlen, gespielt wird, als er mit der Schauspielerin (Kristina Barth) aufs Land fährt.



[Erst ziert sich das Stubenmädchen (Vera Bray) am Rande des Volksfestes noch....]



Den ganz besonderen Wiener-Schmäh – Ulrich E. Hein hat einigen Darstellern einen Wiener Akzent ins Textbuch gelegt – hat der Herr Graf (Thomas Knura). Ein richtiger Lebemann, der gerne ein kleines Abenteuer mit der Schauspielerin hätte, aber lieber erst nach dem Theater mit anschließendem Soupé. Bei der Dirne (Sabine Krieg) hingegen wacht er in der Schluss-Szene auf und weiß gar nicht mehr, was in der Nacht geschah.



Vor dem Vorhang gesteht er dem Publikum "Es hätte beinahe ein Abenteuer werden können – nun ja, es war mir nicht bestimmt." Zum "Valse triste" von Jean Sibelius, der ebenfalls während der Szenen eingespielt wird, wo der sexuelle Akt stattfindet und die Bühne in Dunkelheit verfällt, während grelle Scheinwerfer in den Saal leuchten, tanzen die Darsteller noch einmal über die Bühne. So wie zwischen den Szenen der Umbau immer in tänzerischer Form geschieht und der Zuschauer kaum wahrnimmt, dass eine neue Szene aufgebaut wird.



Als 34-Jähriger schrieb Arthur Schnitzler das Stück und ahnte schon damals, welch eine lange Skandalgeschichte dieses Stück jahrzehntelang begleiten sollte. Auch heute noch kann das Stück verstören und provozieren. Wunsch und Wirklichkeit, Sehnsucht und Versagung prallen unversöhnlich aufeinander – diese schmerzlichen Erfahrungen im Bereich von Liebe machen die Figuren in Arthur Schnitzlers Stück "Der Reigen". Durch die Vorgänge von Kontakt-Begegnung-Trennung entzaubert Schnitzler das Thema Liebe auf der Bühne – und im reellen Leben. Wer möchte es schon gerne wahrhaben, dass viele Menschen solche Erfahrungen immer wieder machen müssen – laut Programmheft: "- trotz oder gerade wegen scheinbar immer liberalerer Maßstäbe im Bereich von Liebe und Sexualität".



[Das Ensemble des WKTheater - Leiter Ulrich E. Hein (vorne Mitte) inszenierte mit einem Augenzwinkern den "Reigen" von Schnitzler.]



Totale Beziehungs- und Liebeunfähigkeit herrscht in den Szenen, die immer nach der sexuellen Befriedigung streben. Dabei paart sich dieses Streben mit Unterwürfigkeit, Schamlosigkeit, Abenteuerlust, Naivität und Frivolität. Aber auch eheliche Pflichterfüllung fehlt hier nicht. In den Dialogen – sei es vor oder nach der Vereinigung – zeigen die Unmöglichkeit des gemeinsamen Glücks auf. Keine der "Beziehungen" verläuft harmonisch. Zärtliche Anhänglichkeit oder auch spröde Zurückweisung bei den Frauen steht der sinnlichen Erregung oder der kalten Ablehnung des Mannes gegenüber.



Der Reigen beginnt mit der Dirne und dem Soldaten. Mit dem Aufstieg im sozialen Milieu verlängern sich die Szenen, was sicherlich auch mit den längeren Umständen zu tun hat, die in gehobeneren Schichten gemacht werden. Die Gespräche werden länger, die Charaktere diffiziler beschrieben, aber die Flüchtigkeit und die neue Begehrlichkeit nach dem Nächsten und Anderen zeigen sich schnell bei allen.

Die Männer in Schnitzlers Reigen verzichten auf die emotionale Beziehung zugunsten der sexuellen und erniedrigen meist die Frauen. Nur eine weibliche Figur bevorzugt es, den männlichen Part zu übernehmen: die Schauspielerin. Sie ist eine "femme fatale", nimmt keine Rücksicht, ist erotisch, aber zerstörerisch und gleichzeitig unabhängig.



Auch bei der Schauspielerin ist eins der immer wiederkehrenden Motive zu finden: Das Küssen sowie das Heucheln des Verführtwerdens. Eilig haben es eigentlich alle in den einzelnen Szenen und oft auch Angst, dass jemand kommt. Die Frage "Hast Du mich gern?" findet sich ebenso in verschiedenen Variationen wie die echte und die geheuchelte Eifersucht. So bilden die Motive eine gedankliche und bildliche Verbindung der einzelnen Szenen und Figuren.



Um die Stück des WKTheaters gut in Szene zu setzen, sind nicht nur die Darsteller und der Regisseur notwendig. Die Assistenz und Abendspielleitung hat Julia Hallenbach. Für Bühne und Technik sind André Borner, Christoph Frantzen, Georg Frantzen, Peter Mühlenkamp, Dietmar Oettershagen, Andreas Oster und Kaspar Zekorn zuständig. Gefördert wurde die Inszenierung des WKTheaters durch die Kulturstiftung Oberberg der Kreissparkasse Köln.