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Der Tragödie das Tragische lustvoll ausgetrieben

fj; 19. Jun 2017, 20:51 Uhr
Bilder: Vera Marzinski --- Faust (Bulent Özdil) und Mephisto (Guido Thurk).
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Der Tragödie das Tragische lustvoll ausgetrieben

fj; 19. Jun 2017, 20:51 Uhr
Gummersbach – Wie aus der Feder eines Comedy-Schreibers kam die Faust-Inszenierung von Gert Becker am heutigen Morgen daher – Den rund 550 Zuschauern, darunter vor allem Schüler, gefiel das poppige Gewand von „Faust1“.
Goethes Faust an einem Montagmorgen - eine Idee des Gummersbacher Theaters, die nur auf den ersten Blick etwas gewagt anmutet. Denn vor allem Schüler waren am heutigen morgen zur Theatervorstellung eingeladen, 25 weitere Gäste fanden den Weg in das Bühnenhaus, sodass die oberen Ränge leider nur spärlich besetzt waren. Der Stimmung im Theater tat dies jedoch keinen Abbruch, den ebenso frisch wie die neue Woche und jung wie das Publikum kam auch die Faust-Inszenierung von Gert Becker mit dem Ensemble des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel daher.



[In knallig-bunter Garderobe kamen nicht nur Faust und Mephisto daher.]

Das reduzierte Bühnenbild, dominiert von einem riesigen Goethe-Bild im Stile Andy Warhols, zeigte bereits die Richtung: Dem Meisterwerk des deutschen Dichterfürstens wurde ein poppig-buntes und frisches Gewand übergestülpt. Zur Pop-Art passend waren die Kostüme der Schauspieler, die in mintgrünen, hellblauen oder schreiend pinken Gewändern daherkamen. Bezeichnend für die Inszenierung Beckers war aber vor allem der Auftritt des Herrn im Prolog im Himmel: Da lugte Gott, gespielt von Tiberius Meikl, mit nackten Oberkörper hinter einer Wolke hervor und ging keck mit Mephisto die Wette um Fausts Seele ein. Dem jungen Publikum gefiel es und nicht nur hier wurde spontaner Szenenapplaus laut.




[Gretchen (Samira Hempel)  spürt, dass  Mephisto kein netter Kerl ist.]

Mit Comedy-Elementen ging es weiter, zum Beispiel als Felix Sommer im engen roten Kleid stocksteif im Türrahmen erschien und als Hexe, deren Auftritt auch jeder Travestie-Show zu Ehre verholfen hätte, mit schnipsenden Fingern das Hexeneinmaleins deklamierte. Auch Mephisto, hervorragend gespielt von Guido Thurk, wickelte Faust (Bulent Özdil) so lustvoll und witzig um den Finger, dass das Zusehen eine Freude war. Wenn der Pudel durch einen geknoteten, knallroten Luftballon dargestellt wird, im Spiegel statt der schönen Helena Marylin Monroe erscheint, aus dem Riechsalz in „Nachbarins Fläschchen“ ein Flachmann wird und Mephisto, Faust und Gretchens Bruder Valentin (Thomas Zimmer) ihren tödlichen Kampf mit Mini-Lichtschwertern ausfechten, nimmt man es Becker nicht übel, dass er den Text gekürzt hat – vor allem, weil kein wichtiges Zitat ausgelassen wurde.

Erotische, teils auch homoerotische Stimmungen wehten dem jungen Publikum von der Bühne entgegen, das dafür immer wieder mit begeisterten Pfiffen, Lachern und Gejohle dankte. Dass es dabei Faust vor allem um das „Eine“, nämliche eine Nacht mit Gretchen (Samira Hempel) und kaum mehr um die Frage ging, was die Welt im Innersten zusammen hält, ließ kaum mehr etwas Tragisches an der großen Tragödie. Doch es war genau der richtige Weg, um junge Menschen an den großen Dichter und seine Texte heranzuführen: Knallig, bunt und frisch, der Lust auf mehr macht.
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